Ernst Egener

Als die Erde in Alsdorf bebte:

5 erschütternde Wahrheiten über das Grubenunglück von 1930

Es ist ein kühler Dienstagmorgen, der 21. Oktober 1930. In Alsdorf beginnt der Tag wie jeder andere im Aachener Revier: Tausende Bergleute machen sich auf den Weg zur Grube Anna II, um das „Schwarze Gold“ zu fördern – jene Kohle, die der Region mühsamen Wohlstand verspricht, aber einen grausamen Preis fordert. Um Punkt 07:29 Uhr zerriss eine gewaltige Detonation nicht nur die morgendliche Stille, sondern das soziale Gefüge einer ganzen Stadt. Es war der Moment, in dem die Gefahr, die jeder Bergmann täglich wie ein unsichtbares „Totenhemd“ mit in die Tiefe nahm, zur tödlichen Realität wurde. Das unsichtbare Methangas hatte sich mit der Atemluft zu einem hochbrisanten Gemisch verbunden – den „Schlagwettern“ –, die nur auf einen Funken warteten, um die Grube in ein Inferno zu verwandeln.

Das Grubenunglück von 1930 gilt als die zweitschwerste Katastrophe in der Geschichte des deutschen Steinkohlenbergbaus. Doch hinter den nackten Daten verbergen sich Wahrheiten, die über das technische Versagen weit hinausgehen.

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1. Die Gewalt von unten: Wenn Schächte zu Kanonen werden

Die physikalische Wucht der Explosion auf der 360-Meter-Sohle war von unvorstellbarem Ausmaß. Es war keine bloße Verpuffung; die Kombination aus Methan und aufgewirbeltem Kohlenstaub erzeugte eine Kettenreaktion, die den Eduardschacht wie das Rohr einer gigantischen Kanone nutzte. Eine meterhohe Feuersäule schoss aus der Erde in den Himmel, gefolgt von einer schwarzen Wolke aus Ruß und Trümmern.

Die Erschütterung war so gewaltig, dass im Ortsteil Wilhelmschacht Türen eingedrückt und Fenster zertrümmert wurden. Besonders surreal war die Zerstörung über Tage: Das 36 Meter hohe, stählerne Fördergerüst wurde buchstäblich aus seinen Betonfundamenten gerissen. Im Fallen zertrümmerte es das Kauen- und Verwaltungsgebäude der Grube. Die Explosion verschonte niemanden – unter den Trümmern wurden der Betriebsführer August Kleine und elf weitere Aufsichtspersonen begraben und getötet.

Steiger H. Voigt, der das Unglück unter Tage überlebte, beschrieb die chemische Hitze und den Schockmoment in seinem Bericht:

„Auf einmal hieß es: ‚Was ist los? – Was war das?‘ Wir sahen nichts mehr durch die sehr starke Gesteinsstaubentwicklung […] Dann sagte der Hauer Spletter: ‚Steiger, in der Richtstrecke ist ein Bruch gefallen und hat die Luftleitung zerschlagen.‘ Darauf antwortete ich ihm: ‚Nein, Spletter, das war kein Bruch, das war eine Explosion, die Wetter waren ja glühend warm.‘“

2. Die versteckte Statistik: Das Schweigen nach dem Knall

In den offiziellen Berichten des Eschweiler Bergwerks-Vereins (EBV), die erst mit erheblicher Verzögerung im Dezember 1930 veröffentlicht wurden, war die Rede von 271 Toten. Doch diese Zahl bildete die Realität nur unzureichend ab. Spätere Recherchen in den Sterbebüchern der Standesämter Alsdorf, Bardenberg und Eschweiler korrigierten die Opferzahl schließlich auf 279.

Die Differenz von acht Menschenleben erzählt eine eigene Geschichte der Qual: Viele Bergleute wurden zwar lebend geborgen, erlagen aber erst Tage oder Wochen später in den Krankenhäusern ihren Verbrennungen oder den Folgen der giftigen Nachschwaden. In der ersten offiziellen Wahrnehmung waren diese Männer bereits aus der Statistik verschwunden. Besonders erschütternd ist der Blick auf das Alter der Opfer: Unter den Toten befanden sich zwei Jungen, die gerade einmal 15 Jahre alt waren.

3. Ein Tag, zwei Verluste: Die Trümmer der Familie Winter

Hinter jeder Ziffer der korrigierten Statistik stand der Zusammenbruch einer privaten Welt. Keine Geschichte illustriert dies deutlicher als jene von Rosa Winter aus Kellersberg. Sie hatte erst im September 1929 den Bergmann Johann Brosius geheiratet. An jenem 21. Oktober wurde ihr innerhalb von Sekunden das Fundament ihres Lebens entzogen.

Ihr Ehemann Johann starb im Alter von nur 24 Jahren in den Tiefen der Grube. Doch der Schmerz war damit nicht erschöpft: Am selben Tag verlor Rosa auch ihren Bruder, den erst 21-jährigen Karl Winter. Zwei junge Männer aus einer Familie, die gemeinsam eingefahren waren, kehrten nie zurück. Rosa blieb als eine von 146 Witwen zurück, während Alsdorf zusätzlich um 9 Vollwaisen und 203 Halbwaisen trauerte. Die Stadt glich, wie Zeitzeugen berichteten, einem Kriegsschauplatz, über dem kurz darauf die schwarze Fahne am verbliebenen Förderturm der Grube Anna I im Wind flatterte.

4. Der Kontrast der Klassen: Die Grube in Not, nicht die Menschen

Da ich jetzt in Hamburg lebe, habe ich natürlich auch in Hamburger Zeitungen recherchiert, was hier über das Unglück berichtet wurde. Ein Blick aus der Ferne auf Alsdorf.

Ein zeitgenössischer Bericht des Hamburger Echo warf ein beißendes Licht auf die sozialen Spannungen. Während ein „süßlicher Geruch, wie verdünntes Leuchtgas“ in den Straßen hing, bot sich ein Bild bitterster Armut. Pensionäre in dünnen Anzügen, deren monatliche Rente von 60 Mark nicht einmal für neue Kleidung reichte, und „verwitterte Frauen“ prägten das Straßenbild.

Inmitten dieses Elends bewegten sich die Kolonnen der Regierungsautos und Bergwerksdirektoren. Der Berichterstatter bemerkte scharf, wie diese Wagen „rücksichtslos und laut hupend“ durch die trauernde Menge preschten. Es entstand der Eindruck, diese Autos führen zur Grube, als litte das Bergwerk Not und nicht die Menschen von Alsdorf. Während die Zeitungen von staatlichen Geldspenden schrieben, blieb das echte Mitgefühl auf den Straßen unsichtbar. Die Hilfe galt dem wirtschaftlichen Betrieb, die Empathie für die „verbrauchten“ Arbeiterfamilien blieb eine bloße Randnotiz der Geschichte.

5. Das ewige Rätsel: Eine Katastrophe ohne Schuldigen

Trotz des Einsatzes zahlreicher Sachverständiger und intensiver amtlicher Untersuchungen blieb die Ursache der Explosion offiziell ungeklärt. Die Vernehmungen der Überlebenden ergaben ein unheimliches Bild der Normalität unmittelbar vor der Detonation. Niemand hatte außergewöhnliche Gasmessungen oder Unregelmäßigkeiten wahrgenommen.

In den Abschlussberichten hieß es resigniert: „Die Katastrophe bleibt ein Rätsel.“ Es gab keine befriedigende Erklärung, keinen Verantwortlichen – nur das Schweigen der Grube, die bereits im Mai 1931, nur sechs Monate nach dem Unglück, die Förderung wieder aufnahm, als wäre nichts geschehen.

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Ein Erbe aus Staub und Gedenken

Wer heute den Nordfriedhof in Alsdorf besucht, wandelt auf historischem Boden, der aus der Not geboren wurde. Da der alte Friedhof zu klein war, um die Massen an Toten aufzunehmen, wurde kurzerhand eine Viehweide außerhalb des Ortes zum neuen Friedhof umfunktioniert. Dort steht heute das Ehrenmal mit seinen vier gewaltigen Kreuzen als stummer Zeuge für die 145 dort bestatteten Opfer.

Das Unglück von 1930 erinnert uns daran, dass industrieller Fortschritt oft auf den Schultern derer ruhte, die das höchste Risiko trugen. Das Gedenken an Johann Brosius, Karl Winter, den Betriebsführer Kleine und ihre 276 Kameraden ist ein fester Bestandteil der Identität des Aachener Reviers. Es bleibt jedoch die mahnende Frage:

Wie viel wiegt ein Leben im Dienst des Fortschritts, wenn die einzige Antwort auf das Warum ein ewiges Schweigen bleibt?

Der Tag, an dem das Abenteuer zur Tragödie wurde

Ein Junge, ein Lastwagen und eine Warnung aus 1933: Was uns ein tragischer Fund in den Familienarchiven lehrt

1. Einleitung: Wenn die Ahnenforschung plötzlich lebendig (und schmerzhaft) wird

Screenshot

In der Ahnenforschung verbringen wir oft unzählige Stunden damit, durch digitale Archive zu navigieren und trockene Listen von Namen, Geburtsdaten und Sterbeorten zu wälzen. Doch gelegentlich stoßen wir bei der Sichtung der Bestände auf Dokumente, die das Papier verlassen und eine tiefgreifende menschliche Dimension annehmen. Ein Zeitungsfund aus dem Juni 1933 über den elfjährigen Johann Egener ist ein solches Beispiel.

Was zunächst wie eine bloße statistische Notiz in einer Chronik wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein erschütterndes Zeitzeugnis. Die Geschichte von Johann ist weit mehr als eine bloße Fußnote; sie ist ein Fenster in eine Zeit, in der das Spiel auf der Straße tödliche Gefahren barg, und ein Beleg dafür, wie Archivarbeit emotionale Tiefe gewinnt, wenn das Schicksal eines Einzelnen die soziale Realität einer ganzen Epoche beleuchtet.

2. Takeaway 1: Der „Seitenast“ – Warum nicht jeder Verwandte ein Vorfahre ist

Als Digitaler Archivar ist mir Präzision in der Stammbaumführung heilig. Bei der Aufarbeitung der Familie Egener stieß ich auf Gottfried Egener, den Vater des verunglückten Jungen. Hier ist eine genaue genealogische Unterscheidung essenziell: Nicht jede Person mit demselben Nachnamen gehört zur direkten Ahnenlinie.

  • Die Verwandtschaft: Gottfried Egener war kein direkter Urgroßvater, sondern der Cousin 2. Grades des Ur-Ur-Großvaters Joseph Egener.
  • Der gemeinsame Stammvater: Beide Linien führen zurück auf den gemeinsamen Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Georg Peter Egener. Während die direkte Stammlinie über dessen Sohn Johann Mathias verläuft, zweigt Gottfrieds Zweig bei dessen Bruder Jacob ab.

Reflexion: Diese Unterscheidung ist für die Integrität der Forschung entscheidend. Ein solcher „Seitenast“ dokumentiert die weit verzweigte Präsenz der Familie im Raum Aachen/Burtscheid. Er erinnert uns daran, dass Familiengeschichte kein einsamer Pfad ist, sondern ein Geflecht aus parallelen Leben, die alle denselben Ursprung teilen.

3. Takeaway 2: Die „gefährliche Unsitte“ des Anhängens

Der tragische Vorfall vom 7. Juni 1933 illustriert ein gefährliches Phänomen der Zwischenkriegszeit: das „Anhängen“. Kinder nutzten schwere Lastwagengespanne als riskante Mitfahrgelegenheit, indem sie sich an die Verbindungsstangen zwischen Motorwagen und Anhänger klammerten.

An jenem Mittwoch, gegen 16:50 Uhr, passierte ein schwerer Lastzug einer Stolberger Firma die Aachener Passstraße. Fünf Jungen sahen darin ein willkommenes „Abenteuer“. Trotz wiederholter Warnungen kletterten sie auf die Stangen des Anhängers. Kurz vor der Einmündung in die Jülicher Straße wollten sie abspringen. Während drei Jungen sicher landeten und ein vierter mit Hautabschürfungen davonkam, geschah das Unfassbare: Johann Egener kam zu Fall und geriet unter die schweren Räder.

„Hunderte Male geht es gut, und eines Tages ist es plötzlich aus – und dann sind die Reue nicht und Tränen nicht mehr imstande, das Unheil ungeschehen zu machen.“

Der archivarische Abgleich der Quellen zeigt die ganze Härte des Unfalls: Während das Echo der Gegenwart von „Quetschungen“ spricht, nennt der Aachener Anzeiger die medizinische Realität beim Namen: Ein Oberschenkelbruch und ein fataler Dammbruch. Trotz sofortiger Einlieferung in das Mariahilf-Krankenhaus durch die Feuerwehr erlag der Junge gegen 21:00 Uhr seinen Verletzungen.

4. Takeaway 3: Ein einziger Sohn unter fünf Kindern – Die Tiefe des Verlusts

Hinter den Polizeimeldungen verbirgt sich das soziale Drama einer Aachener Arbeiterfamilie. Die Familie Egener wohnte in der Jülicher Straße 45. Gottfried Egener war als Fabrikarbeiter tätig – eine Existenz, die in der wirtschaftlich instabilen Zeit der 1930er Jahre oft von Entbehrungen geprägt war.

Johann war der einzige Sohn und das zweitjüngste von insgesamt fünf Kindern. In der damaligen Gesellschaftsstruktur wog der Verlust des einzigen männlichen Nachkommen besonders schwer. Er war nicht nur ein geliebtes Kind, sondern als „Stammhalter“ die Hoffnung auf die Fortführung des Familiennamens und die künftige wirtschaftliche Stütze der Eltern. Sein Tod riss eine Lücke in das familiäre Gefüge, die weit über den emotionalen Schmerz hinausging.

5. Takeaway 4: Die Zeitung als moralische Instanz und Erzieher

Die Berichte im Aachener Anzeiger und im Echo der Gegenwart fungierten 1933 explizit als moralische Erzieher. Unter der Schlagzeile „Allen Kindern zur Warnung!“ wurde der Tod des Jungen instrumentalisiert, um Disziplin einzufordern.

Die Sprache der damaligen Presse war direkt und mahnend. Sie brandmarkte den „jugendlichen Übermut“ und die „Tollkühnheit“ der Kinder als Ursache, während sie gleichzeitig die „Liebe und Sorge“ der Eltern hervorhob, denen nun schweres Leid zugefügt wurde. Im Vergleich zur heutigen, eher distanzierten Berichterstattung, suchten die Zeitungen damals den direkten moralischen Appell an die Leserschaft, um aus der Tragödie eine gesellschaftliche Lehre zu ziehen.

6. Takeaway 5: Orte, die bleiben – Die Geografie eines Unglücks

Historische Recherche wird greifbar, wenn man sie geografisch verortet. Der Unfallort – die Passstraße an der Einmündung zur Jülicher Straße – ist für jeden Aachener auch heute noch ein Begriff. Das bittere Detail: Johann verunglückte fast vor seiner eigenen Haustür. Die Jülicher Straße 45 lag nur wenige hundert Meter vom Unfallort entfernt; er war fast zu Hause.

Der Abgleich mit den Aachener Adressbüchern unterstreicht die Beständigkeit dieser Orte: Gottfried Egener wohnte auch 1938, fünf Jahre nach dem Verlust seines Sohnes, noch immer unter derselben Adresse. Die Verknüpfung der historischen Schauplätze – von der Passstraße über das Mariahilf-Krankenhaus bis hin zur elterlichen Wohnung – verwandelt eine abstrakte Stadtkarte in einen Schauplatz gelebter und erlittener Geschichte.

Fazit: Mehr als nur Daten und Fakten

Die Rekonstruktion des Schicksals von Johann Egener zeigt, dass Genealogie weit mehr ist als das bloße Sammeln von Namen. Es ist die Verbindung von Familiengeschichte, Sozialhistorie und individueller Tragik. Solche Funde entlarven die Vorstellung der „guten alten Zeit“ als eine Ära, die oft von harten Lebensbedingungen und plötzlichen Schicksalsschlägen gezeichnet war.

Die Arbeit im Archiv gibt jenen eine Stimme, deren Geschichte sonst im Rauschen der Zeit verloren gegangen wäre. Sie erinnert uns daran, dass hinter jedem Aktenzeichen ein echtes Leben mit Hoffnungen und Fehlern stand.

Welche ungeschriebenen Geschichten schlummern wohl noch in den Seitenästen Ihres eigenen Stammbaums, die darauf warten, gehört zu werden?

© Ernst Egener 2026

Helene Egener mit einem ungestempelten Pass unterwegs im besetzten Aachen 1919

1. Einleitung: Ein Blick in eine vergessene Welt

Wir bewegen uns heute mit einer Selbstverständlichkeit durch unseren Alltag, die uns kaum noch bewusst ist. Wir treffen Freunde, äußern unsere Meinung und gehen unserer Arbeit nach, ohne bei jedem Schritt über behördliche Vorschriften nachzudenken. Doch diese Freiheit ist keine historische Konstante. Ein Blick nur etwas mehr als 100 Jahre zurück, in das Aachen des Jahres 1919, versetzt uns in eine Welt, die von grundlegend anderen Regeln geprägt war.

Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stand Aachen unter der strengen Verwaltung der französischen Besatzungsmacht. Das Leben war nicht nur von den Nachwirkungen des Krieges gezeichnet, sondern auch von einem engmaschigen Netz an Verordnungen und Kontrollen, das den Alltag der Bevölkerung bestimmte. Ein kürzlich aufgetauchtes Protokoll des Aachener Polizeigerichts vom Juli 1919 gewährt uns einen faszinierenden und oft schockierenden Einblick in diese Zeit. Es listet nüchtern die Vergehen und Strafen einfacher Bürger auf und zeichnet so ein lebendiges Bild von Unterordnung, Kontrolle und Handlungen, die als Akte passiven Widerstands gewertet werden konnten.

Dieser Artikel beleuchtet die fünf überraschendsten Erkenntnisse aus diesem historischen Dokument. Sie zeigen, wie die Besatzungsmacht bis in die kleinsten Bereiche des Lebens eingriff und welche Handlungen plötzlich zu Straftaten werden konnten.

2. Die Liste: Fünf überraschende Erkenntnisse aus einem Aachener Gerichtsprotokoll von 1919

2.1. Der fehlende Stempel: Bürokratie als Machtinstrument

Einer der häufigsten Verstöße, der im Gerichtsprotokoll auftaucht, klingt heute banal: der „ungestempelte Personalausweis“ oder das gänzliche Fehlen eines solchen. Die 18-jährige Tänzerin Helene Egener und der 19-jährige Maurer Viktor Meyer wurden zu einer Geldstrafe von 20 Mark verurteilt, weil ihrem Ausweis ein Stempel der Besatzungsbehörde fehlte. Doch das Strafmaß war nicht einheitlich: Die 16-jährige Nadlerin Elise Schümmer und der 54-jährige Tagelöhner Heinrich Knübbem kamen mit 10 Mark davon.

Diese Regel war weit mehr als nur eine administrative Maßnahme. Sie war ein täglich präsentes Symbol der Kontrolle und eine ständige, greifbare Erinnerung an die neue Machtstruktur. Jede Kontrolle war ein Akt der Unterwerfung. Die gestaffelten Strafen – die empfindliche Summe von 20 Mark entsprach für einfache Leute etwa ein bis zwei Wochenlöhnen einer Arbeiterin – zeigen ein System, das möglicherweise Alter oder Umstände berücksichtigte, aber unmissverständlich klarmachte: Wer nicht registriert und genehmigt war, wurde bestraft.

2.2. Der Preis des Protests: Ein Lied für 300 Mark

Während Ausweisvergehen mit 10 oder 20 Mark geahndet wurden, sticht ein Fall aus dem Protokoll besonders hervor: Elise Schwarz und Franz Neuters wurden wegen des „Singens aufrührerischer Lieder“ zu einer Geldstrafe von jeweils 300 Mark verurteilt. Diese Summe war exorbitant und entsprach dem Fünfzehn- bis Dreißigfachen der Strafe für ein administratives Vergehen.

Diese drakonische Bestrafung zeigt unmissverständlich, was die Besatzungsmacht wirklich fürchtete. Administrative Nachlässigkeiten waren ein Ärgernis, aber die organisierte öffentliche Meinungsäußerung und der Hauch von politischem Widerstand wurden als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen. Ein Lied konnte gefährlicher sein als ein Dutzend vergessener Ausweise, denn es hatte das Potenzial, eine Haltung zu verbreiten und den kollektiven Unmut zu stärken.

2.3. Die erzwungene Geste: Grüßen war Pflicht

Das soziale Klima in der besetzten Stadt wird vielleicht nirgends deutlicher als im Fall von Johann Rütz. Der 34-jährige Beamte wurde zu 20 Mark Geldstrafe verurteilt, weil er einen französischen Offizier „nicht gegrüßt“ hatte. Diese Vorschrift war ein Ritual der öffentlichen Dominanz und zementierte die Hierarchie im Alltag auf die sichtbarste Weise.

Der Akt des Grüßens selbst ist trivial; seine Macht lag in der ständigen, öffentlichen und persönlichen Erzwingung einer sozialen Unterordnung. Jede Begegnung mit einem Offizier wurde zu einer Prüfung. Das erzwungene Grüßen war eine tägliche Demonstration von Macht und Ohnmacht, die eine Atmosphäre der Anspannung schuf, in der eine unterlassene Geste als bewusste Insubordination gewertet und bestraft wurde.

2.4. Unter besonderer Beobachtung: Die Kontrolle junger Frauen

Eine genaue Lektüre des Protokolls legt nahe, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders im Fokus standen. Junge Frauen in öffentlichen Berufen wie Tänzerinnen (Helene Egener, 18) oder Dienstmädchen (Luise Angermann, 21) tauchen prominent auf. Der tragischste Fall ist der von Luise Angermann. Sie wurde zur härtesten Strafe des gesamten Protokolls verurteilt: 15 Tage Gefängnis. Ihr Vergehen: „zweimalige Versäumnis der ärztlichen Untersuchung“.

Für einen Historiker der Alltagsgeschichte ist dieser Eintrag besonders aufschlussreich. Militärverwaltungen in besetzten Gebieten fürchteten seit jeher die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten unter ihren Soldaten. Die „ärztliche Untersuchung“ war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Euphemismus für eine Zwangsuntersuchung auf venerische Krankheiten. Junge, alleinstehende Frauen in Dienstleistungsberufen wurden pauschal als potenzielle Überträgerinnen verdächtigt. Luise Angermanns harte Strafe ist somit kein Fall von bloßer administrativer Nachlässigkeit, sondern ein erschreckendes Beispiel für invasive, geschlechtsspezifische biopolitische Kontrolle, die tief in die körperliche Integrität eingriff und Frauen wie sie zum Schutz des Besatzungsheeres überwachte.

2.5. Ein Fenster zur Geschichte: Was uns diese kleinen Notizen heute verraten

Über die schockierenden Einblicke in den Besatzungsalltag hinaus sind diese Gerichtsprotokolle von unschätzbarem Wert für Historiker und Ahnenforscher. Sie sind keine trockenen Fakten, sondern Fenster in das Leben einzelner Menschen.

Der kurze, trockene Eintrag zu Helene Egener zum Beispiel liefert eine Fülle an Informationen. Er verrät uns:

  • Name: Helene Egener
  • Alter: 18 Jahre (impliziert Geburtsjahr ca. 1901)
  • Beruf: Tänzerin
  • Wohnort: Aachen, Bismarckstraße

Vor allem aber haben wir den schriftlichen Nachweis, dass sie als junge Frau während dieser turbulenten Zeit in Aachen lebte. Für Familienforscher ist ein solcher Fund ein Sprungbrett, um in Archiven gezielt nach weiteren Quellen wie den originalen Polizeigerichtsakten oder dem Einwohnerregister zu suchen.

3. Schlussfolgerung: Ein Gedanke zum Mitnehmen

Die Gerichtsprotokolle aus dem Juli 1919 zeigen eindrücklich, dass der Alltag im besetzten Aachen von einem engmaschigen Netz aus Kontrolle, Vorschriften und Strafen durchzogen war. Ob ein fehlender Stempel, ein nicht erwiderter Gruß oder ein gesungenes Lied – die Besatzungsmacht regelte und sanktionierte selbst kleinste Handlungen, um ihre Autorität zu festigen und jeden Anflug von Ungehorsam zu ahnden. Diese Dokumente sind eine wertvolle Erinnerung daran, wie zerbrechlich die Freiheiten sind, die wir heute als selbstverständlich erachten.

Wenn man bedenkt, wie viel uns diese wenigen Zeilen über das Jahr 1919 verraten – was würden zukünftige Historiker wohl aus unseren digitalen Spuren über unsere heutige Gesellschaft schließen?

Friedrich Winter II 1881 – 1943 Zeitleiste

Friedrich Winter II mein Urgroßvater

Zeitleiste Friedrich Winter (1881-1943)

Frühe Jahre und Berufsbeginn

1881 – Geburt in Mittelbexbach

25. November 1897 (16 Jahre alt) – Beginn der Bergmannslaufbahn am 16. Geburtstag

  • Erste Anfahrt als Bergmann bei Grube König
  • Wurde am 4. November 1897 von Dr. König als bergarbeitstauglich befunden
  • Erhielt sein erstes Knappschaftsbuch

Militärzeit – Grunddienst und Ausbildung

23. Oktober 1902 (21 Jahre alt) – Diensteintritt als Rekrut

  • Einberufung zum 2. Pionier-Bataillon, 2. Kompagnie
  • Truppenstammrolle Nr. 74 für 1902
  • Militärische Ausbildung mit Gewehr 88, Schießklasse 1

20. September 1904 – Entlassung zur Reserve

  • Nach zweijährigem Grunddienst

Reserveübungen und Familiengründung

1905 – Heirat mit Margaretha Weber

  • Margaretha Weber, geboren am 24. Januar 1884 in Mittelbexbach
  • Heirat am 1. März 1905 (vermerkt im Knappschaftsbuch am 21. März 1905)

2.-22. August 1906 – Erste Reserveübung

  • 21-tägige Reserve-Übung
  • Führung: sehr gut, keine Strafen

31. August – 20. September 1909 – Zweite Reserveübung

  • 21-tägige Reserve-Übung
  • Zusätzliche Ausbildung mit Gewehr 98
  • Führung: sehr gut, keine Strafen

5. April 1910 – Übergang zur Landwehr

  • Übertritt zur Landwehr 1. Aufgebots

Wohnortwechsel und weitere Militärübungen

1912 – Umzug nach Alsdorf

  • Abmeldung aus Zweibrücken am 24. September 1912
  • Abkehr von Grube König am 23. September 1912
  • Neue Adresse am 8. Oktober 1912: Kellersberg, Othbergstraße 34

11.-24. Juni 1913 – Landwehrübung

  • 14-tägige Landwehrübung bei Rheinisches Pionier-Bataillon Landwehr Kompagnie 8
  • Führung: sehr gut, keine Strafen
  • Entlassung nach Kellersberg, Kreis Aachen

1914 – Adresse: Kellersberg, Verbindungsstraße 6

Erster Weltkrieg – Kriegsdienst

12. August 1914 – Kriegsausbruch und Mobilmachung

  • Beginn des Kriegsdienstes

12. August 1914 – 9. September 1915 – Feldzug gegen Frankreich

  • Über ein Jahr an der Westfront

7.-11. Oktober 1915 – Donauübergang

  • Verlegung auf den Balkan

6. Oktober – 28. November 1915 – Feldzug in Serbien

  • Teilnahme an der Eroberung Serbiens

1. Dezember 1915 – 3. März 1916 – Aufmarsch an der griechischen Grenze

  • Vorbereitung für weitere Balkanoperationen

4. März – 15. Oktober 1916 – Kämpfe an der griechischen Grenze

  • Über sieben Monate im Kampfeinsatz
  • Malaria-Erkrankung während des Griechenland-Einsatzes
  • Die Malaria wird später zu seinem Tod 1943 beitragen

21. Oktober 1916 – 17. April 1917 – Kämpfe bei Monastir und an der Cerna

  • Intensive Kampfhandlungen auf dem Balkan
  • Fortsetzung der Balkanfront trotz Malaria-Erkrankung

17. April 1917 – Versetzung zum Ersatz-Bataillon

  • Überweisung zum Ersatz-Bataillon, Pionier-Bataillon 8
  • Zuteilung zur 2. Ersatz-Kompagnie am 27. April 1917

7. April 1917 – Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse

  • Anerkennung für Tapferkeit im Feld

9. Juni 1917 – Arbeitsurlaub

  • Entlassung zur Arbeitsaufnahme beim Eschweiler Bergwerks-Verein in Kohlscheid
  • Zurückstellung bis 20. September 1917

Kriegsende und Nachkriegszeit

26. November 1918 – Kriegsende und Demobilmachung

  • Entlassung aus dem Heeresdienst wegen Demobilmachung
  • Anmeldung bei der Polizei Kellersberg

31. Juli 1919 – Rückkehr zur Bergarbeit

  • Beginn der Arbeit bei Grube Anna II

Nachkriegsleiden und Kampf um Anerkennung

1. Februar 1919 – 1. Januar 1920 – Erste Kriegsversehrtenrente

  • Rente von 10% wegen Kriegsdienstbeschädigung durch Malaria und Ischias
  • Nur einjährige Bewilligung

18. Juli 1924 – Antrag auf höhere Rente

  • Antrag beim Versorgungsamt Aachen wegen Verschlimmerung
  • Gutachten Dr. Bebenburg (Köln): 30% Erwerbsminderung durch Malaria und Ischias

24. November 1924 – Bewilligung 30% Rente

  • Versorgungsamt Aachen bewilligt 30% Rente ab 1. Juli 1924
  • Friedrich Winter geht in Berufung für höhere Rente

20. Februar 1925 – Gerichtsentscheid: 40% Kriegsversehrtenrente

  • Versorgungsgericht Aachen erhöht Rente auf 40%
  • Gerichtsarzt Dr. Viehöfer bestätigt: „Malarialeiden beeinflusst Allgemeinbefinden ungünstig“
  • „Herztätigkeit ist matt“ – deutliche Verschlechterung seit Kriegsende
  • Rückwirkende Zahlung ab 1. Juli 1924

3. Mai 1935 – Ehrenkreuz für Frontkämpfer

  • Verleihung des Ehrenkreuzes für Frontkämpfer (16 Jahre nach Kriegsende)

1943 – Tod in Alsdorf

  • Friedrich Winter stirbt im Alter von 62 Jahren
  • Tod als Spätfolge der Malaria-Erkrankung aus dem Griechenland-Feldzug (1916)
  • 27 Jahre nach der Infektion in Griechenland

Zusammenfassung der Kriegsteilnahme

Friedrich Winter diente insgesamt etwa 3 Jahre und 4 Monate im Ersten Weltkrieg, davon die meiste Zeit auf dem Balkan. Seine Laufbahn zeigt einen typischen Verlauf eines deutschen Pioniers, der sowohl an der Westfront als auch auf dem Balkan eingesetzt wurde. Seine Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und die durchweg positive Bewertung seiner Führung („sehr gut“) sprechen für einen zuverlässigen und tapferen Soldaten.

Friedrich Winter II 1881-1943

Friedrich Winter II mein Urgroßvater

Friedrich Winter II (1881-1943)

Ein Leben zwischen Bergbau und Weltkrieg

Herkunft und frühe Jahre

Friedrich Winter wurde am 25. November 1881 in Mittelbexbach (heute Teil von Bexbach im Saarpfalz-Kreis) geboren. Er war der Sohn von Friedrich Winter I (1865-1919), einem später pensionierten Bergmann, und Katharina Trautmann (geboren vor 1860 und gestorben nach 1905).

In die Fußstapfen seines Vaters tretend, wurde Friedrich ebenfalls Bergmann und begann seine Laufbahn bereits im jungen Alter von 16 Jahren im November 1897. Sein Leben sollte bald sowohl durch Militärdienst als auch durch familiäre Verantwortung geprägt werden.

Militärdienst und Familiengründung

Am 23. Oktober 1902 trat Friedrich als Rekrut seinen Militärdienst im 2. Pionierbataillon an. Er diente bis zum 20. September 1904, als er zur Reserve entlassen wurde. Dies war jedoch nur der Beginn seiner militärischen Laufbahn, da er später zu mehreren Reserveübungen und schließlich zum Kriegsdienst einberufen werden sollte.

Friedrich heiratete am 1. März 1905 Margaretha Weber in Mittelbexbach. Margaretha, geboren am 24. Januar 1884 in Bexbach, war die Tochter von Ludwig Weber und Barbara Mathieu, die zum Zeitpunkt der Hochzeit bereits verstorben waren. Die Trauung wurde von Friedrichs Vater und Franz Ruffing, einem 30-jährigen Bergmann aus Mittelbexbach, bezeugt.

Das Ehepaar wurde mit vier Kindern gesegnet: Am 6. Dezember 1905 kam ihre erste Tochter Rosa in Bexbach zur Welt, gefolgt von ihrem Sohn Karl am 27. März 1909, ebenfalls in Bexbach geboren. Später bereicherten zwei weitere Töchter, Anna und Klara, die Familie Winter.

Während dieser frühen Familienjahre erfüllte Friedrich weiterhin seine militärischen Pflichten und nahm an Reserveübungen im August 1906, August-September 1909 und Juni 1913 teil. Seine Dienstakte vermerkte durchweg „sehr gute Führung“ ohne disziplinarische Maßnahmen.

Erster Weltkrieg und seine Folgen

Der Erste Weltkrieg veränderte Friedrichs Leben drastisch. Vom 12. August 1914 bis zum 9. September 1915 diente er im Feldzug gegen Frankreich. Anschließend nahm er vom 6. bis 28. November 1915 am Serbienfeldzug teil, einschließlich der kritischen Donauüberquerung vom 7. bis 11. Oktober. Von Dezember 1915 bis März 1916 war er an der griechischen Grenze stationiert und kämpfte später im Oktober 1916 in Schlachten nahe Monastir und am Fluss Crna. Während seines Einsatzes an der griechischen Grenze infizierte sich Friedrich mit Malaria – eine Krankheit, die sein weiteres Leben beeinflussen und letztendlich zu seinem frühen Tod führen sollte.

Für seine Tapferkeit während des Krieges wurde Friedrich am 7. April 1917 mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Kurz darauf, am 17. April 1917, wurde er zum Ersatzbataillon des 8. Pionierbataillons versetzt und am 27. April der 2. Ersatzkompanie zugeteilt.

Im Juni 1917 wurde Friedrich aus dem aktiven Dienst entlassen, um für den Eschweiler Bergwerks-Verein in Kohlscheid nahe Kellersberg zu arbeiten. Er begann diese zivile Arbeit am 12. Juni 1917 in Alsdorf in der Region Aachen. Nach Deutschlands Niederlage wurde Friedrich am 26. November 1918 im Rahmen der vom Aachener Bezirkskommando angeordneten Demobilmachung formell entlassen.

Schicksalsschläge und späte Jahre

Friedrich erlebte in den Jahren nach dem Krieg erhebliche familiäre Verluste. Sein Vater verstarb am 25. März 1919 in Bexbach. Seine Tochter Rosa heiratete am 13. September 1929 Johann Brosius in der Herz-Jesu-Kirche in Kellersberg, Alsdorf.

Ein besonders schwerer Schicksalsschlag traf die Familie am 21. Oktober 1930: Bei einem verheerenden Grubenunglück in Alsdorf verlor Friedrich nicht nur seinen Sohn Karl, sondern auch seinen Schwiegersohn Johann Brosius, den Ehemann seiner Tochter Rosa. Diese doppelte Tragödie erschütterte die Familie zutiefst und hinterließ Rosa als junge Witwe mit ihrer Tochter Johanna.

Friedrich Winter verbrachte den Rest seines Lebens in Alsdorf, wo er am 30. Januar 1943 im Alter von 61 Jahren an den Folgen seiner während des Krieges in Griechenland erworbenen Malaria-Erkrankung verstarb. Seine Ehefrau Margaretha überlebte ihn um mehr als drei Jahrzehnte und lebte bis 1976.

Vermächtnis

Durch seine Töchter Rosa (1905-1992), Anna und Klara setzte sich Friedrichs Linie fort. Rosa hatte ein Kind namens Johanna aus ihrer Ehe mit Johann Brosius und heiratete später Aloïs Schwan.

Friedrich Winters Leben erstreckte sich über eine turbulente Periode der deutschen Geschichte, vom Wilhelminischen Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik bis in die frühen Jahre des Zweiten Weltkriegs. Seine Erfahrungen als Bergmann, Soldat und Familienvater spiegeln die Herausforderungen und die Widerstandsfähigkeit gewöhnlicher Deutscher während dieser prägenden Epoche wider. Die gesundheitlichen Folgen seines Kriegseinsatzes, die ihn für den Rest seines Lebens begleiteten, und die tragischen Verluste, die seine Familie erleiden musste, stehen beispielhaft für die Opfer, die viele Familien dieser Generation bringen mussten.

Salomea Ecker – Hebamme in der Pfalz 1816 –

Salomea Winter geb. Ecker die Großmutter meines Urgoßvaters

Salomea Ecker – Hebamme in der Pfalz

Salomea Ecker wurde am 22. Januar 1816 in Erbach geboren und war mit Heinrich Winter verheiratet. Auf einer Geburtsurkunde aus Höchen/Waldmohr wird sie als „gesetzliche Hebamme von Oberbexbach“ bezeichnet – ein Titel, der ihren besonderen beruflichen Status in der damaligen Zeit unterstreicht.

Beruflicher Status und Bedeutung

Die Bezeichnung „gesetzliche Hebamme“ zeigt, dass Salomea Ecker eine staatlich anerkannte und offiziell bestellte Hebamme war. Dies bedeutete:

  • Sie hatte die vorgeschriebene Ausbildung und Prüfung erfolgreich absolviert
  • Sie war offiziell für den Bezirk Oberbexbach und dessen Umgebung zuständig
  • Sie besaß die rechtliche Befugnis, als einzige Hebamme in ihrem Zuständigkeitsbereich zu praktizieren

Das Hebammenwesen im frühen 19. Jahrhundert

Zu Salomeas Zeit lag die Geburtshilfe in Deutschland noch weitgehend in den Händen der Hebammen. Ärzte und Chirurgen waren aus Gründen der Scham im Normalfall von Geburten ausgeschlossen und wurden nur in Notfällen gerufen. Die Hebammenausbildung war relativ kurz – meist nur wenige Monate – und endete mit einer Prüfung vor männlichen Prüfern.

Aufgaben und Verantwortlichkeiten

Als gesetzliche Hebamme hatte Salomea Ecker vielfältige Aufgaben:

  • Betreuung von Schwangeren vor, während und nach der Geburt
  • Geburtshilfe leisten und Neugeborene versorgen
  • Meldung aller Geburten und Fehlgeburten an die Kirche
  • Allgemeine Gesundheitsberatung für Frauen in ihrer Gemeinde

Staat und Kirche nutzten die Hebammen zur Kontrolle über das Geburtsgeschehen, weshalb sie verpflichtet waren, alle Geburten und Fehlgeburten zu melden.

Gesellschaftliche Stellung

Salomea Ecker hatte als gesetzliche Hebamme eine wichtige und zentrale Rolle in der Gesundheitsversorgung ihrer Gemeinde. Der Beruf war gesellschaftlich anerkannt und für die Gemeinschaft unverzichtbar. Die Tatsache, dass sie auf offiziellen Geburtsurkunden als „Hebamme“ verzeichnet ist, unterstreicht ihren professionellen Status und ihre Bedeutung für die lokale Gemeinschaft.

Historische Einordnung

Salomea Eckers Tätigkeit als Hebamme fiel in eine Zeit des Wandels im Gesundheitswesen. Die zunehmende staatliche Regulierung des Hebammenwesens im frühen 19. Jahrhundert führte zur Unterscheidung zwischen „gesetzlichen“ und privaten Hebammen. Als gesetzliche Hebamme von Oberbexbach war sie Teil dieser neuen, professionalisierten Struktur der Gesundheitsversorgung.

Quellen: Geburtsurkunde aus Höchen/Waldmohr sowie historische Recherchen zum Hebammenwesen im 19. Jahrhundert

Die Berichtigung eines amtlichen Fehlers (1868)

Johann Gregor Egener, der Großvater meines Urgroßvaters

Die Berichtigung eines amtlichen Fehlers (1868)

Im September 1868 mussten sich die Egener-Corbans mit einem bürokratischen Problem auseinandersetzen, das die Identität der Familie betraf. Ein bedeutendes Dokument aus unserer Familiengeschichte gibt Einblick in diesen Vorfall: Ein Urteil des Königlichen Landgerichts zu Aachen vom 14. September 1868.

Der Fehler

Als Heinrich Egener am 30. Mai 1854 in Burtscheid geboren wurde, passierte bei der Registrierung ein folgenschwerer Fehler. Statt seine Mutter korrekt als „Magdalena Corban“ einzutragen, verzeichnete der Standesbeamte sie fälschlicherweise als „Helena Thimmes“. Dieser Irrtum hätte für Heinrich später zu rechtlichen Problemen führen können – etwa bei Erbschaftsfragen, Besitzansprüchen oder anderen amtlichen Angelegenheiten.

Die Betroffenen

– Johann Gregor Egener: Unser Vorfahre, von Beruf Tuchscherer (ein spezialisierter Textilhandwerker, der Tuche glättete und schor)

– Magdalena Corban: Seine Ehefrau, deren Identität in der Geburtsurkunde falsch eingetragen wurde

– Heinrich Egener: Ihr gemeinsamer Sohn, geboren am 30. Mai 1854

Interessanterweise enthält das Dokument weitere wertvolle Informationen über die Familie:

– Johann Egener und Magdalena heirateten am 7. Juli 1838

– Magdalena selbst wurde am 19. April 1815 als uneheliche Tochter von Johann Corban und Maria Anna Phimus geboren

– Sie wurde durch die nachfolgende Heirat ihrer Eltern am 8. Juni 1816 legitimiert

Die Korrektur

Die Familie musste ein förmliches Gerichtsverfahren anstrengen, um den Fehler zu korrigieren. Da sie offenbar nicht wohlhabend war, wurde ihnen das „Armenrecht“ gewährt – sie konnten also kostenlos einen Rechtsbeistand (Justizrat Koenen) in Anspruch nehmen.

Das Gericht stellte fest, dass bei der Eintragung vermutlich der Familienname der Großmutter mütterlicherseits (Phimus/Thimmes) versehentlich verwendet wurde, statt des richtigen Namens der Mutter. Nach Prüfung der vorgelegten Dokumente ordnete das Landgericht die Korrektur der Geburtsurkunde an.

Was uns dieses Dokument lehrt

Dieses Gerichtsurteil zeigt uns nicht nur die Namen unserer Vorfahren, sondern gibt auch Einblicke in ihr Leben:

1. Die Familie war vermutlich nicht wohlhabend (Armenrecht)

2. Sie waren aber gebildet genug, um einen bürokratischen Fehler zu erkennen und den Rechtsweg zu beschreiten

3. Trotz der unehelichen Geburt von Magdalena wurde Wert auf die korrekte amtliche Dokumentation gelegt

4. Das Berufsfeld unserer Vorfahren (Tuchscherer) weist auf eine Verbindung zur Textilindustrie hin, die im Aachener Raum bedeutend war

Der Fehler, der 1854 gemacht wurde, zeigt auch, wie wichtig die genaue Überprüfung von Dokumenten in der Familienforschung ist. Namen wurden oft unterschiedlich geschrieben oder verwechselt, was die Nachverfolgung von Familienlinien erschweren kann.

Diese kleine Episode aus dem Leben unserer Vorfahren lässt uns erahnen, welche Bedeutung die korrekte Identität und amtliche Dokumentation für sie hatte – selbst wenn es dafür eines königlichen Gerichtsurteils bedurfte.

Johannes Mathias Egener 1783 –

Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Johannes Mathias Egener

Johannes Mathias Egener

Zur Zeit als Friedrich der Große Preußen regierte, wurde am 17. Januar 1783 in dem kleinen Eifeldorf Rott mein Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Johannes Mathias Egener als Sohn des Schneiders Georg Peter E. und der Anna Catharina Born getauft. Er wurde in der dortigen kath. Kirche von dem Pfarrer Joh. Evangelist Schreiber getauft. Gelebt haben sie vermutlich in Mulartshütte.

Aus seiner Jugend weiß ich nichts zu berichten. Eine Schule hat er wie die meisten seiner Landsleute nicht besucht; die Schulpflicht wurde erst später eingeführt.

1792 wird noch seine Schwester Magdalena in Rott getauft. Gegen Ende des Jahrhunderts zieht die Familie nach Burtscheid, wahrscheinlich wegen der Arbeitsmöglichkeiten.

Dieser Umzug fiel zusammen mit der Machtübernahme durch die Franzosen. Es wurde vieles anders. Auch für Johannes Mathias Egener., der nun in Burtscheid wohnte und als Weber arbeitete.

Da war zum einen die Sprache. In Burtscheid ging Johannes Mathias nicht über den Bürgersteig, sondern übers Trottoir. Und bei Regen spannte man den Parapluie und nicht den Regenschirm auf. Ganz kompliziert war es mit der Zeitrechnung. Der bis dahin maßgebende gregorianische Kalender galt nicht mehr; die Franzosen führten den sogenannten Revolutionskalender ein. Dieser Kalender begann am 29.09.1792. Alle kirchlichen Feiertage waren abgeschafft. Die Woche hatte jetzt 10 Tage, die Stunde 100 Minuten und die Minute 100 Sekunden.

Johannes Mathias hat das wohl nie ganz verstanden. Für einen Arbeiter wie ihn war das auch nicht so wichtig. Frühling, Sommer, Herbst und Winter kamen sowieso; und an den Sonn- und Feiertagen ging man, obwohl die Franzosen es nicht so gerne sahen, nach wie vor in die Kirche.

Am 1.November 1807 erscheinen Jean Mathias Egener, so heißt er jetzt auf Französisch, und Anne Gertrude Pontz vor dem Adjoint et Officier de l’état civil de la commune de Borcette – heute würden wir sagen: vor dem Standesbeamten der Gemeinde Burtscheid – , um das Aufgebot zu bestellen.

Am 30.12. des gleichen Jahres werden sie von dem selben Beamten Hammer getraut. Monsieur und Madame Egener bekamen auch eine acte de mariage, eine Heiratsurkunde also, denn seit der Franzosenzeit werden Trauungen, Geburten und Sterbefälle auf dem Standesamt registriert und beurkundet. Gertrud ist die einzige, welche die Urkunde selbst unterschreiben kann

Der Vater, der jetzt George Pierre heißt, ist am 17.12., also kurz vor der Hochzeit verstorben.

Am 20.5.1808 bekommt die junge Familie ihr erstes Kind; es stirbt jedoch noch am gleichen Tag.

Ein Jahr später wird wieder ein Junge geboren, der den gleichen Namen wie der erste bekommt: Pierre Joseph.

Im Jahre 1812 klopfen Beamte der franz. Regierung an die Tür und führen eine Volkszählung durch. Die Familie wohnt St. Johann Nr. 63. Man hat Burtscheid in die Bezirke St. Michael und St. Johann eingeteilt und die Häuser durchnummeriert. Nr. 63 ist also das Haus in welchem folgende Personen leben:

Ehemann: Eygener, Jean Mathias (29) (man sieht wie leicht es zu einer falschen Schreibweise des Namens kommen kann, die dann manchmal beibehalten wurde)

Stand: Drapier

Ehefrau: Pons, Gertrude (23)

Kinder: Joseph (3), François (5M)

Sonst. Verwandte im Hause: Schwiegermutter Pons, Anne Catherine

Als 6. und letztes Kind wird am 5.8.1814 mein Ur-Ur-Ur-Großvater Grégoire Jean geboren.

Weitere Daten aus seinem Leben sind mir noch unbekannt.

Ernst Egener

Die Webertradition in Burtscheid und Aachen

Die Webertradition in Burtscheid und AachenLebens- und Arbeitswelt unserer Vorfahren

Einleitung: Eine prägende Wirtschaftstradition

Über drei Jahrhunderte hinweg dominierte die Wolltuchherstellung das Wirtschaftsleben in unserer Region wie kaum eine andere Branche. Tausende von Menschen – darunter auch unsere Vorfahren aus den Familien Egener und Dautzenberg – arbeiteten bereits seit dem 18. Jahrhundert für die global agierenden Tuchverleger. Die Wolltuche aus Aachen, Burtscheid, Monschau, Verviers, Euskirchen, Eupen oder Vaals erlangten weltweite Bekanntheit. Armeen aus aller Welt kämpften in Uniformtuchen aus dieser Region. Dies ist die Geschichte einer bedeutenden Branche, die das Leben unserer Vorfahren maßgeblich prägte.

Die Anfänge: Häusliche Textilproduktion als Überlebensgrundlage

Schon seit jeher produzierte die ländliche Bevölkerung der Region in häuslicher Arbeit aus Flachs und Wolle fast die gesamte Kleidung und die Textilien für den Alltagsbedarf. Der Werktagsanzug bestand in der Eifel aus handgesponnener, gewalkter, schwerer, aber nahezu regendichter Wolle. Eine besondere regionale Spezialität war Tirtey, ein einfacher Stoff aus Leinen und Wolle für Röcke, Hosen und Kleider. Sogar Unterröcke wurden aus Wolle hergestellt.

Für die häusliche Textilherstellung wurden die Rohstoffe verwendet, die in der ländlichen Umgebung zur Verfügung standen: Flachs und – vor allem in der Eifel – die Wolle aus der lokalen Schafhaltung. Der Webstuhl stand im Winter im Haus oder der Tenne und wurde im Sommer auseinandergebaut und auf dem Speicher gelagert. Fast jede Familie in unserer Region konnte weben und spinnen – eine Fertigkeit, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde und zweifellos auch in unseren Familien gepflegt wurde.

Das Zunftwesen: Qualität und Beschränkung

Neben der häuslichen Produktion entwickelte sich eine hauptberufliche Herstellung von groben Wolltüchern für überregionale Märkte aus heimischer Wolle. Diese Produktion unterlag den strengen Regeln der örtlichen Handwerkszünfte. Die Zünfte sorgten für einen gewissen Qualitätsstandard, beschränkten aber auch die Zahl der Webstühle und des Personals, um für alle Meister ein Auskommen zu sichern.

Diese handwerkliche Produktion gewann vor allem in Aachen und Münstereifel große regionale Bedeutung. Die Markenware „Aachener Tuch“ war weithin bekannt und wurde in ganz Europa vertrieben. Die Münstereifeler Weber verkauften ihre Ware auf dem eigenen Markt, aber auch in Köln. Die Monschauer Grobtuche wurden durch Hausierer in der Umgegend angeboten und verkauft.

Der entscheidende Wandel: Burtscheid als Zentrum der Innovation

Als 1698 in Aachen die Forderung aufkam, entgegen den engen Zunftbestimmungen größere Betriebe zuzulassen, protestierten die Scherer mit der Befürchtung, dass in diesem Falle bald „wenige die ganze Arbeit und alle Knechte an sich zögen“. Diese Befürchtung erwies sich als berechtigt – aber nicht in Aachen selbst.

Dort blieb man bei den alten Bestimmungen, was viele aufstrebende Tuchfabrikanten im 18. Jahrhundert verprellte und dazu bewog, ihre Firmensitze in Nachbarorte ohne Zunftzwang zu verlegen. Burtscheid wurde zu einem dieser bevorzugten Standorte, gemeinsam mit Monschau, Imgenbroich, Stolberg, Eupen, Vaals und Verviers. Gänzlich unbeschränkt konnte sich dort die Feintuchproduktion für größere Märkte entwickeln, die den Aachener Handwerkern bald schwer zu schaffen machte.

Das Verlagssystem: Eine neue Arbeitswelt entsteht

Als die Feintuchhersteller begannen, besonders feine Wolle aus Spanien zu importieren und diese zu fast seidenartigen Tuchen zu verarbeiten, entwickelte sich eine neue Wirtschaftsstruktur, die bald die ganze Region prägen sollte. Die Tuchverleger beschafften die Wolle, gaben aber die Arbeit des Spinnens und Webens an Heimarbeiter in der Eifel und im Limburger Land ab.

Für die arme Landbevölkerung in der Eifel und im Limburger Land war dies ein Segen, da sie im Winter, in dem es sonst kaum etwas zu verdienen gab, sich mit der geldbringenden Tuchherstellung beschäftigen konnte. Statt Flachs oder grober Eifelwolle hatten die Weber jetzt feine spanische Merinowolle nach genauen Angaben der Verleger zu verarbeiten.

Arbeits- und Lebensbedingungen der Weberfamilien

Die Arbeitsbedingungen in den kleinen Bauernstuben waren alles andere als ideal. Die großen Webstühle, die bis an die niedrige Decke reichten, beanspruchten mit einem Raumbedarf von bis zu vier Quadratmetern mehr Platz als das Ehebett und benötigten zudem den besten Platz am Fenster für ausreichend Licht.

Die Arbeitsteilung in den Weberfamilien war klar geregelt: Häufig webte der Mann, die Frauen sponnen und richteten die Kette ein, und die Kinder spulten. Diese Familienarbeit war existenziell wichtig, denn nur durch die Mitarbeit aller Familienmitglieder konnte ein ausreichendes Einkommen erzielt werden.

Die Veredelung: Kunst und Wissenschaft des Tuchfinishs

Das gewebte Tuch kam anschließend zurück zum Verleger, der die Ware prüfte, im Stück bezahlte, eventuelle Fehler ausbessern ließ und die enorm wichtige Appretur unter seiner Aufsicht durchführen ließ. Die Appretur – die Schlussbehandlung des Tuches – entschied über Feinheit, Griff und Erscheinungsbild des fertigen Produkts.

Zur Appretur gehörten das Walken in speziellen Walkmühlen, das Pressen, Aufrauhen und anschließende Scheren des Tuches. Vor allem das gefühlvolle Scheren mit riesigen, schweren Scheren spielte eine zentrale Rolle. Einige Tuchmacher beschäftigten allein 50 bis 100 Scherer, die als hochqualifizierte Fachkräfte zum Teil von weither angeworben wurden und in Monschau und Eupen eine eigene soziale Gruppe selbstbewusster Lohnarbeiter bildeten.

Burtscheid im Zentrum der Textilwirtschaft

Burtscheid entwickelte sich zu einem der wichtigsten Zentren dieser Tuchmanufaktur, gemeinsam mit Vaals, Eupen und Monschau. Die Eupener Tuchmacher konnten mit ihren Produkten in ganz Europa, Russland, in der Levante und in Ostindien Erfolge feiern und beschäftigten im Jahr 1764 bereits 5.070 Arbeiter und um 1812 sogar 6.000 Arbeiter.

Johann Heinrich Scheibler aus Monschau wies Anfang der 1760er Jahre selbstbewusst darauf hin, dass „alleinig von meiner Farbrique beständig mehr als 4000 Menschen“ ernährt werden. Er ergänzte nicht ganz unbescheiden: „Wahrlich ein erwünschtes Etablissement in einem Lande, wie das kalt und unfruchtbare Monjoy, wo von dem garnicht beträchtlichen Ackerbau die wenigsten Menschen sich ernähren können und wo in Vorzeiten so starker Geldmangel war, als jetzo davon Überfluss darinnen zu finden ist, auch jedweder Mensch, welcher ohne die Fabriquen den Bettelgang pflegen müsste, ja schon fünf- und sechsjährige Kinder von der allerlei Fabriquearbeiten sich wohl zu ernähren vermögen.“

Innovation und Weltmarkt: Die Erfolgsgeschichte der regionalen Tuchmacher

Die Tuchmacher rund um Aachen und Burtscheid entwickelten neue Muster und Techniken, um neue, überregionale Märkte zu erobern, und hatten damit großen Erfolg. Johann Heinrich Scheibler begann beispielsweise, die Wolle bereits vor der weiteren Verarbeitung zu färben und sie anschließend zu verschiedenartig gemusterten Stoffen mit leuchtenden, fast grellen Farben verarbeiten zu lassen, die sogar dem Geschmack anspruchsvoller Haremsdamen genügen konnten.

Bei der Färbung, die eine zentrale Rolle spielte, kam den Produzenten das sehr kalkarme Wasser der Rur entgegen, das wunderbar strahlende Farben ermöglichte. So entwickelte sich in unserer Region auf der Basis reiner Handarbeit, der Manufaktur und der Heimarbeit eine – was Rohstoffe und Absatzmärkte betraf – wahrhaft global agierende Branche.

Soziale Struktur und Arbeitsorganisation

Die Textilproduktion in Burtscheid und Aachen war stark hierarchisch organisiert. An der Spitze standen die Tuchverleger und Fabrikanten, die das Kapital bereitstellten und die Märkte erschlossen. Darunter befanden sich die verschiedenen Fachkräfte: Weber, Spinner, Färber, Walkmüller und Scherer. Am unteren Ende der sozialen Leiter standen die Heimarbeiter in den ländlichen Gebieten.

Frauen spielten eine wichtige Rolle in der Textilproduktion. Sie arbeiteten als Spinnerinnen, Zwirnerinnen, Kettenschererinnen und Stöpferinnen. Letztere reparierten Webfehler – eine Tätigkeit, die großes Geschick und Erfahrung erforderte. Auch Kinder wurden schon früh in die Arbeitsprozesse einbezogen, zunächst mit einfachen Tätigkeiten wie dem Spulen.

Das Erbe: Architektonische Zeugnisse des Wohlstands

Die herausragenden, repräsentativen, fast schlossartig anmutenden Firmenzentralen in Monschau, Eupen, Vaals und auch die prächtigen Tuchmacherhäuser in Burtscheid künden bis heute von der außergewöhnlichen wirtschaftlichen Bedeutung der vorindustriellen Tuchherstellung und dem Wohlstand der Tuchfabrikanten.

Es ist bemerkenswert, dass einige dieser Gebäude heute wieder repräsentativen Charakter haben – etwa als Sitz der Regierung der deutsch-belgischen Gemeinschaft in Eupen oder als Rathaus in Vaals. In Burtscheid selbst zeugen noch heute verschiedene historische Gebäude von der einstigen Blüte der Textilindustrie.

Bedeutung für die Familiengeschichte

Für die Familien Egener und Dautzenberg bedeutete die Arbeit in der Textilindustrie mehr als nur Broterwerb. Sie war Teil einer jahrhundertealten Tradition, die technisches Können, Geschicklichkeit und Ausdauer erforderte. Die Weber und ihre Familien waren Träger einer Kultur, die sowohl handwerkliche Fertigkeiten als auch kaufmännisches Denken vereinte.

Die Textilindustrie prägte nicht nur die Wirtschaftsstruktur der Region, sondern auch das soziale und kulturelle Leben. Die Arbeit in den Weberstuben, die saisonalen Rhythmen der Produktion und die enge Verbindung zwischen Stadt und Land durch das Verlagssystem schufen ein charakteristisches Lebensmuster, das Generationen von Familien bestimmte.

Epilog: Das Ende einer Ära

Mit der fortschreitenden Industrialisierung und der Mechanisierung der Textilproduktion im 19. Jahrhundert veränderte sich diese Arbeitswelt grundlegend. Viele der traditionellen Weberfamilien mussten sich neue Betätigungsfelder suchen oder in die entstehenden Fabriken wechseln. Dennoch blieb die über Jahrhunderte erworbene handwerkliche Tradition und das Verständnis für Qualität ein wertvolles Erbe, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Die Geschichte der Webertradition in Burtscheid und Aachen ist somit nicht nur ein Kapitel der Wirtschaftsgeschichte, sondern ein wesentlicher Teil der Identität unserer Familien und der Region. Sie erinnert uns daran, dass unsere Vorfahren aktive Gestalter einer internationalen Wirtschaftstradition waren, die weit über die Grenzen der Heimat hinausreichte.

Meine Eltern haben sich noch in der Tuchfabrik Rummeny in Haaren kennengelernt.

Benedict Egner 1680 –

Benedict Egner


7fach Urgroßvater

Fakten:

Eltern: Martin Egner 1636 – 1696 und Elisabeth

Beruf: Chirurg

Benedict Egners Leben als Chirurg in Beratzhausen

Berufliches Leben: Als Chirurg war Benedict in einer Zeit tätig, in der die Chirurgie noch stark handwerklich geprägt war. Er führte vermutlich einfache Operationen durch, behandelte Wunden, führte Aderlässe durch und kümmerte sich um Knochenbrüche. In einem Marktort wie Beratzhausen war er wahrscheinlich einer der wenigen medizinischen Versorger für die gesamte Umgebung. Seine Dienste waren besonders an Markttagen gefragt, wenn Handwerker und Bauern aus der Umgebung zusammenkamen.

Familiärer Hintergrund: Benedict stammte aus einer etablierten Handwerkerfamilie – sein verstorbener Vater Martin war sowohl Maurer als auch Bierbrauer gewesen, was auf einen gewissen Wohlstand hindeutet. Das Brauereigeschäft war besonders einträglich, da Bier ein Grundnahrungsmittel war. Seine Mutter Elisabeth lebte noch und hatte wahrscheinlich Einfluss auf die Partnerwahl ihres Sohnes.

Die Eheschließung: Die Heirat mit Anna Barbara Funck im Januar 1708 war eine durchaus standesgemäße Verbindung – beide stammten aus angesehenen Handwerkerfamilien. Die Verlobung im Dezember 1707 und die Hochzeit im Januar zeigen die üblichen winterlichen Heiratstermine, wenn die landwirtschaftlichen Arbeiten ruhten. Die Zeugen – ein Ratsbürger und Bäcker sowie der Schulmeister – unterstreichen Benedicts gesellschaftlichen Stand.

Alltag in Beratzhausen: Benedict lebte in einem lebendigen Marktort an wichtigen Handelsrouten. Sein Tag begann früh, oft mit Hausbesuchen bei Kranken in der Stadt und den umliegenden Dörfern. An Markttagen war seine Praxis besonders gefragt – Unfälle mit Karren und Pferden, Schlägereien oder arbeitsbedingte Verletzungen der Handwerker sorgten für regelmäßige Patienten.

Gesellschaftliche Stellung: Als Chirurg genoss er Respekt, stand aber in der medizinischen Hierarchie unter den studierten Ärzten. Dennoch war er ein wichtiger Mann im Ort – seine Fähigkeiten konnten über Leben und Tod entscheiden. Wahrscheinlich war er Mitglied der örtlichen Zunft und nahm am gesellschaftlichen Leben der Stadt teil.

Das Leben war geprägt von den Jahreszyklen, religiösen Festen und der ständigen Herausforderung, in einer Zeit ohne moderne Medizin Menschen zu heilen – ein respektables, aber auch verantwortungsvolles Leben in einer kleinen, aber bedeutsamen oberpfälzischen Marktgemeinde.