Ernst Egener

Martinus Neulen 1712 – 1772 – Schuld oder Unschuld? Eine historische Analyse

1. Einleitung: Martinus Neulen – Mein Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater  im Zwielicht der Geschichte

Die Geschichte des Martinus Neulen (1712-1772), eines direkten Vorfahren, wirft ein faszinierendes, aber auch zutiefst widersprüchliches Licht auf das 18. Jahrhundert. Als Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater des Anfragenden verbindet sein Schicksal eine persönliche Familiengeschichte mit den komplexen Realitäten einer vergangenen Epoche. Im Zentrum dieser Untersuchung steht die Frage nach seiner „Schuld oder Unschuld“, eine Dichotomie, die durch die historischen Aufzeichnungen selbst aufgeworfen wird: Wie konnte ein Mann, der ein hohes öffentliches Amt bekleidete und mit der Rechtsprechung betraut war, gleichzeitig Teil einer berüchtigten kriminellen Vereinigung sein?1

Die Beantwortung dieser zentralen Frage erfordert mehr als eine bloße Aufzählung von Fakten. Sie verlangt eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem sozio-legalen Kontext des 18. Jahrhunderts, insbesondere den Justizpraktiken und der Art der Beweiserhebung während der sogenannten Bockreiterprozesse.1 Die persönliche Verbindung zu Martinus Neulen verleiht dieser historischen Untersuchung eine besondere Dimension. Es geht nicht nur darum, eine historische Figur zu beleuchten, sondern auch darum, ein umfassendes Verständnis für einen komplexen Vorfahren zu entwickeln, dessen Leben im „Zwielicht der Geschichte“ steht. Dies bedeutet, dass eine einfache moralische Verurteilung oder Freisprechung kaum möglich sein wird, sondern vielmehr eine nuancierte Interpretation der damaligen Gegebenheiten erforderlich ist, um sein Schicksal und die damit verbundenen Anschuldigungen zu begreifen.

2. Das öffentliche Leben: Schöffe der Herrlichkeit Rimburg

Martinus Neulen wurde am 18. September 1712 in Hofstatt, Herzogenrath, geboren und am folgenden Tag, dem 19. September 1712, in Merkstein katholisch getauft. Seine Eltern waren Joes Neulen (1677-1754) und Maria Dauven (-1732).1 Er lebte im Weiler Finckenrath bei Herzogenrath, innerhalb der damaligen Herrlichkeit Rimburg.1 Im Laufe seines Lebens heiratete er am 28. Januar 1744 Anne Marie Königs in Merkstein, mit der er einen Sohn, Johannes Martinus Neulen (geb. 1758), hatte.1

Aus diesen eher bescheidenen Anfängen stieg Martinus Neulen zu einer Person von gesellschaftlichem Ansehen auf. Er wurde zum Schöffen der Herrlichkeit Rimburg ernannt.1 Als Schöffe bekleidete er ein Amt von erheblicher juristischer Vollmacht. Zusammen mit dem Schultheißen bildete er das Gericht und war befugt, „über Leib und Leben der Bürger [zu] urteilen“, wobei Todesurteile allerdings der Bestätigung durch den Hochdrossard bedurften.1 Die Tatsache, dass Martinus Neulen, der aus einem spezifischen Weiler stammte, eine so mächtige offizielle Rolle in derselben Herrlichkeit erlangte, deutet auf einen bemerkenswerten sozialen Aufstieg und ein hohes Maß an Vertrauen innerhalb seiner lokalen Gemeinschaft hin. Er wurde als eine Säule des Rechtssystems wahrgenommen, was seine angeblichen späteren kriminellen Aktivitäten umso widersprüchlicher erscheinen lässt und eine tiefe gesellschaftliche Diskrepanz offenbart, die für die Frage nach seiner Schuld oder Unschuld von zentraler Bedeutung ist.

Die folgende Zeittafel fasst die wichtigsten Lebensdaten von Martinus Neulen zusammen:

Zeittafel Martinus Neulen (Auszug)

DatumEreignisOrtAlter
18. September 1712GeburtHofstatt – Herzogenrath0
19. September 1712TaufeMerkstein – Herzogenrath0
6. Juni 1732Tod seiner Mutter Maria DauvenHofstatt – Herzogenrath19
28. Januar 1744Eheschließung mit KÖNIGS Anne MarieMerkstein – Herzogenrath31
10. Juni 1754Tod seines Vaters Joes NeulenMerkstein41
3. April 1758Geburt seines Sohnes NEULEN Johannes MartinusMerkstein – Herzogenrath45
Frühjahr 1772Verhaftung und InhaftierungBurg Rimburg59
13. April 1772Unterziehung der „schärferen Prüfung“ (Folter)Burg Rimburg59
14. April 1772Tod durch Suizid im GefängnisMerkstein-Rimburg59
16. April 1772Posthume Bestrafung des LeichnamsRimburg

3. Das verborgene Leben: Anschuldigungen und die Bockreiterbande

Hinter der Fassade des angesehenen Amtsträgers und Richters verbarg Martinus Neulen ein angeblich zweites, kriminelles Leben. Die vorliegenden Dokumente legen nahe, dass er bereits in der ersten Bockreiterbande aktiv war, die zwischen 1726 und 1745 in der Region zwischen Maas und Rhein ihr Unwesen trieb.1 Einer Verhaftung konnte er damals durch Flucht entgehen.1

Bemerkenswerterweise stieg er nach dieser frühen Erfahrung nicht nur in der zweiten Bockreiterbande (1762-1774) unter der Führung von Joseph Kirchhoffs auf, sondern bekleidete dort sogar die Position eines „Feldwebels“ oder Sergeant-Majors.1 Dies stellte eine Führungsposition innerhalb der kriminellen Hierarchie dar.1 Die Widersprüchlichkeit zwischen seiner öffentlichen Rolle als Schöffe, einem Hüter des Gesetzes, und seiner angeblichen Führungsposition in einer kriminellen Organisation ist frappierend und bildet den Kern der Frage nach seiner Schuld oder Unschuld.1

Die mutmaßliche Beteiligung Neulens an zwei unterschiedlichen Phasen der Bockreiteraktivitäten, die durch eine Zeit der Flucht getrennt waren, deutet auf ein tiefer verwurzeltes, möglicherweise habitualisiertes, kriminelles Muster hin, das über einen einmaligen Vorfall hinausgeht. Sein Aufstieg zum „Feldwebel“ in der zweiten Bande impliziert nicht nur eine einfache Mitgliedschaft, sondern ein erhebliches Engagement und eine führende Rolle. Diese langjährige, hochrangige angebliche Beteiligung, insbesondere nach einer früheren Beinahe-Verhaftung, verschärft den Kontrast zu seiner öffentlichen Rolle als Rechtspfleger erheblich. Sollten diese Anschuldigungen zutreffen, würde dies auf eine tiefgreifende Doppellebigkeit hindeuten; sollte er unter Zwang gehandelt haben, würde dies den immensen Druck des damaligen Rechtssystems verdeutlichen.

4. Verhaftung, „Schärfere Prüfung“ und Geständnis

Im Frühjahr 1772 endete Martinus Neulens Doppelleben abrupt mit seiner Verhaftung und Inhaftierung auf Burg Rimburg.1 Prozessdokumente aus dieser Zeit beschreiben ihn als einen „mittelmäßig kleinen Mann, Träger einer Perücke“, der „überall in die Häuser ging und Feldwebel in der Kompanie der Gauner war“.1

Der entscheidende Wendepunkt in seiner Inhaftierung ereignete sich am 13. April 1772, als Martinus Neulen der „schärferen Prüfung“ – der Folter – unterzogen wurde.1 Unter dieser extremen physischen und psychischen Nötigung „gestand er seine Mitgliedschaft in der Bande und die Beteiligung an Diebstählen sowie anderen Verbrechen“.1

Die Tatsache, dass Neulen sein Geständnis unter Folter ablegte, ist von fundamentaler Bedeutung für die Beurteilung seiner Schuld oder Unschuld. Im Rechtssystem des 18. Jahrhunderts galt ein Geständnis, oft als „Königin der Beweise“ bezeichnet, als höchste Form des Beweises. Die damalige Praxis sah vor, Folter einzusetzen, um eben solche Geständnisse zu erzwingen. Aus moderner historischer und rechtlicher Perspektive sind jedoch unter Zwang erlangte Geständnisse grundsätzlich als unzuverlässig anzusehen. Individuen waren in solchen Situationen oft bereit, alles zu gestehen, um die Schmerzen zu beenden, unabhängig davon, ob sie die Taten tatsächlich begangen hatten. Dies verändert die Interpretation seines Geständnisses grundlegend: Es wird von einem direkten Beweis seiner Schuld zu einem kritischen Beleg für die Natur des damaligen Justizprozesses selbst. Es verdeutlicht die systemischen Mängel, die zu Fehlurteilen führen konnten, unabhängig von der tatsächlichen Schuld des Angeklagten.

5. Das tragische Ende: Suizid und posthume Entehrung

Einen Tag nach seiner Folter, am 14. April 1772, im Alter von 59 Jahren, wurde Martinus Neulen tot in seiner Zelle auf Burg Rimburg aufgefunden.1 Er hatte sich mit einem selbstgefertigten Seil aus Stroh und Heu erhängt.1 Seine Motivation war klar: „Um der zu erwartenden grausamen Strafe zu entgehen“, nahm er sein Schicksal selbst in die Hand.1

Doch selbst der Tod bot keine Erlösung vor der Härte des damaligen Rechtssystems. Gemäß den Gesetzen jener Zeit wurde auch der tote Körper Neulens bestraft.1 Am 16. April 1772 wurde seine Leiche zur Abschreckung durch die Straßen von Rimburg geschleift und anschließend an einem Bein am Galgen aufgehängt.1 Dies war eine zutiefst „entehrende Strafe“, die darauf abzielte, das Andenken des Verurteilten zusätzlich zu beschmutzen und als öffentliche Warnung zu dienen, selbst über den Tod hinaus.1 Der zeitgenössische Chronist Sleinada notierte dazu knapp: „hatte sich im Gefängnis mit Heu erwürgt, und deshalb wurde er herausgeschleppt und an einem Bein aufgehängt“.1

Martinus Neulens Suizid, insbesondere die Verwendung eines improvisierten Seils aus Stroh und Heu, ist ein verzweifelter Akt der Selbstbestimmung, um weiterem Leid und der unausweichlichen „grausamen Strafe“ zu entgehen. Dies offenbart eine bewusste Entscheidung, seinen eigenen Tod der langwierigen Qual und dem öffentlichen Spektakel einer Hinrichtung vorzuziehen. Die nachfolgende posthume Bestrafung – das Schleifen und Aufhängen seiner Leiche – war nicht nur eine Bestrafung des Körpers, sondern ein tiefgreifender Akt sozialer Degradierung. Sie war darauf ausgelegt, seine Ehre zu zerstören und als furchteinflößendes öffentliches Abschreckungsmittel zu dienen, selbst nach seinem Ableben. Dies beleuchtet die extreme punitive Natur des Justizsystems des 18. Jahrhunderts, das nicht nur den lebenden Kriminellen, sondern auch dessen Andenken und dessen Nachkommen zu bestrafen suchte, was den Ruf der Familie über Generationen hinweg beeinträchtigen konnte.

6. Historische Einordnung: Die Bockreiterprozesse und die Justiz des 18. Jahrhunderts

Die Geschichte des Martinus Neulen ist untrennbar mit dem Phänomen der Bockreiter verbunden, einer Reihe von kriminellen Banden, die im 18. Jahrhundert zwischen Maas und Rhein aktiv waren.1 Die Zeit der Bockreiterprozesse, die bis 1780 andauerten, war geprägt von „harten Verhörmethoden und summarischen Urteilen“.1 Die schiere Anzahl der Hinrichtungen ist erschreckend: Bis 1780 wurden insgesamt 326 Männer und Frauen im Zusammenhang mit den Bockreitern hingerichtet.1

Ein kritisches Problem dieser Prozesse war die Art der Beweisführung. Es besteht die erhebliche Möglichkeit, dass Anschuldigungen gegen Neulen, wie auch gegen viele andere, aus Geständnissen resultierten, die andere Angeklagte unter Folter abgaben.1 Ein prominentes Beispiel hierfür ist der angeblich Anführer Joseph Kirchhoffs, der trotz Beteuerung seiner Unschuld am 11. Mai 1772 hingerichtet wurde.1 Dies unterstreicht die Unzuverlässigkeit der unter Zwang erlangten Geständnisse und die Härte der damaligen Urteile. Die „historische Wahrheit über die Bockreiter liegt oft im Dunkeln und wird von Legendenbildung überlagert“.1

Die hohe Zahl der Hinrichtungen (326 Personen bis 1780) in den Bockreiterprozessen, kombiniert mit dem weit verbreiteten Einsatz von Folter und der Möglichkeit, dass Anschuldigungen aus erzwungenen Geständnissen Dritter resultierten (wie das Beispiel Kirchhoffs nahelegt), weist auf eine systemische Justizkrise hin, die über individuelle kriminelle Handlungen hinausgeht. Dieser Kontext ist entscheidend für das Verständnis von Neulens Fall: Seine „Schuld“ könnte eher ein Produkt einer brutalen, auf Effizienz ausgerichteten Rechtsmaschine gewesen sein, die verzweifelt versuchte, wahrgenommene Bedrohungen zu unterdrücken, als das Ergebnis unwiderlegbarer Beweise für seine tatsächlichen Taten. Die explizite Feststellung, dass die „historische Wahrheit oft im Dunkeln liegt und von Legendenbildung überlagert wird“, bedeutet, dass die offizielle Darstellung der damaligen Zeit möglicherweise nicht die objektive Realität widerspiegelt, was eine grundlegende erkenntnistheoretische Herausforderung für die Bestimmung von Neulens „Schuld oder Unschuld“ darstellt.

Die folgende Tabelle bietet einen Überblick über die Bockreiterprozesse:

Die Bockreiterprozesse im Überblick

AspektBeschreibung
Zeitraum der BandenaktivitätErste Bande (1726-1745), Zweite Bande (1762-1774) 1
Zeitraum der ProzesseBis 1780 1
Anzahl der Hinrichtungen326 Männer und Frauen 1
VerhörmethodenHarte Verhörmethoden, „schärfere Prüfung“ (Folter) 1
UrteilsfindungSummarische Urteile 1
Problem der BeweisführungMöglichkeit erzwungener Geständnisse (auch von Dritten) 1
Bekannte FälleJoseph Kirchhoffs (hingerichtet trotz Unschuldsbeteuerung) 1

7. Schuld oder Unschuld? Eine kritische Bewertung

Die Frage nach Martinus Neulens Schuld oder Unschuld ist, wie die vorangegangene Analyse zeigt, nicht mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantworten. Die Beweislage, wie sie uns aus den historischen Dokumenten überliefert ist, muss kritisch hinterfragt werden.

Argumente für die Schuld (aus Sicht des 18. Jahrhunderts):

Die damaligen Gerichte sahen seine Schuld als erwiesen an, basierend auf mehreren Punkten: seine angebliche langjährige Beteiligung an beiden Bockreiterbanden, sein Aufstieg zum „Feldwebel“ und, am wichtigsten, sein Geständnis unter Folter.1 Für die Justiz des 18. Jahrhunderts war ein Geständnis, selbst wenn es unter Zwang erfolgte, oft der entscheidende Beweis für die Schuld.

Argumente für Zweifel und Unzuverlässigkeit der Beweise:

Aus heutiger Sicht sind diese „Beweise“ jedoch problematisch. Der zentrale Punkt ist, dass Neulens Geständnis unter der „schärferen Prüfung“, also Folter, erzwungen wurde.1 Moderne Rechtsprinzipien und historische Forschung sind sich einig, dass unter Folter erlangte Aussagen keine verlässlichen Indikatoren für tatsächliche Schuld sind. Menschen gestehen unter solchem Druck oft alles, um die Qualen zu beenden, unabhängig von der Wahrheit. Die psychische und physische Nötigung, die mit der Folter einhergeht, untergräbt die Glaubwürdigkeit jeder daraus resultierenden Aussage vollständig.

Darüber hinaus muss Neulens Fall im Kontext der gesamten Bockreiterprozesse gesehen werden. Die systematische Anwendung harter Verhörmethoden und die hohe Zahl summarischer Urteile und Hinrichtungen (326 Personen) deuten auf ein Justizsystem hin, das eher auf die schnelle Verurteilung und Abschreckung als auf eine sorgfältige Wahrheitsfindung ausgerichtet war.1 Die Möglichkeit, dass Anschuldigungen gegen Neulen auch aus unter Folter erzwungenen Geständnissen

anderer Angeklagter stammten, wie es im Fall von Joseph Kirchhoffs, der trotz Unschuldsbeteuerung hingerichtet wurde, vermutet wird, verstärkt die Zweifel an der Verlässlichkeit der gesamten Beweisführung.1

Das zentrale Paradox von Neulens Leben – Schöffe und angeblicher Krimineller – zwingt zu einer Neubewertung des Begriffs der „Schuld“ in diesem historischen Kontext. Da sein Geständnis unter Folter erlangt wurde und weitere Anschuldigungen möglicherweise aus ähnlich erzwungenen Aussagen stammten, ist es nach modernen Gerechtigkeitsstandards unmöglich, seine faktische Schuld eindeutig festzustellen. Vielmehr muss die Schlussfolgerung gezogen werden, dass seine „Schuld“, wie sie in den historischen Dokumenten festgehalten ist, untrennbar mit den brutalen Justizpraktiken des 18. Jahrhunderts verbunden und möglicherweise sogar durch diese konstruiert wurde. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass er „unschuldig“ war, sondern hebt vielmehr die Unmöglichkeit hervor, seine Schuld unter solchen Umständen zweifelsfrei zu beweisen, wodurch die Frage von einer einfachen binären Entscheidung zu einem komplexen historischen und ethischen Dilemma wird.

8. Fazit: Das Vermächtnis eines widersprüchlichen Lebens

Martinus Neulens Leben war zweifellos von tiefgreifenden Widersprüchen geprägt, gefangen zwischen seiner öffentlichen Pflicht als Schöffe und den schwerwiegenden Anschuldigungen einer kriminellen Aktivität als „Feldwebel“ der Bockreiterbande.1 Die Analyse seines Schicksals verdeutlicht die entscheidende Rolle der Folter bei der Erlangung seines Geständnisses und die systemischen Mängel der Justiz des 18. Jahrhunderts, die durch harte Verhörmethoden und summarische Urteile gekennzeichnet war.1

Während die historischen Aufzeichnungen, basierend auf seinem erzwungenen Geständnis, seine „Schuld“ nahelegen, machen die Umstände seiner Verurteilung eine definitive moralische oder faktische Beurteilung nach heutigen Maßstäben unmöglich. Seine Geschichte ist ein eindringliches Beispiel für die Härte und oft willkürliche Natur der Justiz im Ancien Régime, wo die Wahrheit oft dem Druck des Systems weichen musste.

Für seine Nachfahren ist die Geschichte des Martinus Neulen nicht einfach eine Erzählung von Verurteilung oder Freispruch. Vielmehr ist sie eine Einladung, sich kritisch mit einer komplexen Vergangenheit auseinanderzusetzen, die Kräfte zu verstehen, die individuelle Schicksale prägten, und über die Entwicklung rechtlicher und ethischer Standards nachzudenken. Sein Vermächtnis ist eines der historischen Mehrdeutigkeit und eine Mahnung an die menschlichen Kosten repressiver Justizsysteme. Es ist eine Geschichte, die dazu anregt, die Vergangenheit nicht nur zu bewerten, sondern auch zu verstehen und aus ihr zu lernen.

Ernst Egener, Juni 2025

Die Anfänge der Familie Egner (später Egener) in Beratzhausen

Früheste Erwähnung Martin Egner

Die bisher früheste bekannte Erwähnung eines Vorfahren der Linie Egner (später Egener) stammt aus dem oberpfälzischen Markt Beratzhausen. Dort wird Martin Egner als Maurer und Bierbrauer genannt. Sein Name erscheint im Heiratseintrag seines Sohnes Benedict, in dem er als „ehrbarer Mann seligen Andenkens“ bezeichnet wird – ein Ausdruck, der darauf hinweist, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war.

Eintragungen im Sterbebuch belegen, dass Martinus Egner am 15. Juni 1696 im Alter von 60 Jahren verstarb. Daraus ergibt sich ein ungefähres Geburtsjahr von 1636.

Zeitgeschichtlicher Kontext: Martin Egner wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) geboren, einer Zeit schwerer Verwüstungen, Hungersnöte und Epidemien. Die Oberpfalz war stark betroffen. Es ist möglich, dass seine Eltern oder er selbst Flucht, Not oder Plünderungen erlebt haben. Nach dem Krieg begann der mühsame Wiederaufbau, bei dem Handwerker wie Maurer besonders gebraucht wurden.

Seine Ehefrau Elisabeth wird als noch lebende Witwe im Heiratseintrag ihres Sohnes erwähnt. Sie stirbt am 7. November 1713 im Alter von 74 Jahren, was auf ein Geburtsjahr um 1639 hinweist.

Zeitumstände: Elisabeth lebte in der Zeit des sogenannten „kleinen Klimawandels“, mit häufigen Missernten, langen Wintern und wirtschaftlicher Unsicherheit. Auch Seuchen wie die Pest traten weiterhin lokal auf.

Benedict Egner – Chirurg und Bürger von Beratzhausen

Der Sohn des Martin Egner, Benedict Egner, wird als „ehrbarer Benedict Egner, Chirurg von Beruf“ genannt. Er verlobt sich am 15. Dezember 1707 mit Anna Barbara Funck, der Tochter des Schneiders und Bürgers Johann Funck und dessen Ehefrau Anna. Die Eheschließung findet am 9. Januar 1708 statt.

Hintergrund: In dieser Zeit erlebte das medizinische Handwerk Fortschritte, doch der Beruf des Chirurgen war noch nicht dem Arzt gleichgestellt. Chirurgen arbeiteten oft auch als Wundärzte, Barbier oder Knochenrichter. Dass Benedict diesen Beruf ausübte, deutet auf eine gewisse Bildung und gesellschaftliche Stellung hin.

Heirat Benedikt Egner

Transkription: 

Beratzhausen

[am Rande] am 9. desselben [sc. Monats Januar 1708]

Aufgrund am 15. Dezember 1707 stattgehabter Verlobung feierte Hochzeit der ehrbare Benedikt Egner, Chirurg von Beruf, legitimer Sohn des ehrbaren Mannes Martin Egner seligen Andenkens, Maurers und Bierbrauers hiesigen Orts, und der Elisabeth, dessen noch lebender Ehegattin, mit Anna Barbara Funck(in), legitimer Tochter des des ehrbaren Mannes, Bürgers und Schneiders Johann Funck und dessen Ehegattin Anna; als Zeugen traten auf Herr Ulrich Bidner, Ratsbürger und Bäcker, und der Schulmeister Herr Johann Ernst, beide allhier im Ort.

Joannes Georg Egner – Soldat und Neubeginn in der Eifel

Aus dieser Ehe stammt Joannes Georg Egner, der am 5. Mai 1720 in Beratzhausen getauft wird. Ein Vermerk im Taufregister vom 17. Juli 1755 gibt Auskunft über seine spätere Tätigkeit: Pfarrer Ignatius Graff stellt ihm an diesem Tag einen Taufschein für Lupburg aus, da Joannes Georg zu diesem Zeitpunkt Soldat im kaiserlichen Markgrafen-Kavallerieregiment ist.

Zeitgeschichtlicher Kontext: Um 1755 stand das Reich kurz vor dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763). Viele Männer wurden zum Militärdienst eingezogen oder verdingt. Als Reiter in einem Kavallerieregiment war Joannes Georg Teil eines stehenden Heeres, das sowohl zur Verteidigung als auch in Kriegszügen eingesetzt wurde.

Später verlässt er die Oberpfalz und lässt sich in Reifferscheid in der Eifel nieder. Ab diesem Zeitpunkt wird der Familienname in den Quellen als Egener geschrieben. Dort heiratet er Maria Elisabeth Balter, mit der er mindestens drei Kinder hat:

Georg Peter Egener (Geburtsdatum unbekannt)

Catharina Gertrudis (1759–1763)

Anna Sybilla Catharina (1761–1762)

Beide Töchter sterben bereits im Kleinkindalter. Maria Elisabeth könnte bei der Geburt der zweiten Tochter verstorben sein – das ist jedoch nicht sicher belegt. Fest steht: Joannes Georg Egener heiratet am 2. Juli 1763 ein zweites Mal, und zwar die Witwe Agnes Stollenwerck.

Lebensumstände: Die Eifel war im 18. Jahrhundert arm und ländlich geprägt. Die Bevölkerungsdichte war gering, und Krankheiten sowie hohe Kindersterblichkeit waren verbreitet. Die Wiederverheiratung kurz nach dem Tod der ersten Frau war nicht unüblich, um Haushalt und Kinder abzusichern.

Georg Peter Egener – Neubeginn in der Eifel und Weg nach Aachen

Georg Peter Egener, vermutlich um 1750 geboren, ist der erste Vertreter der Familie, der dauerhaft in der Eifel nachgewiesen ist. Er heiratet am 25. Mai 1777 in der katholischen Kirche Anna Catharina Born. Die Familie lebte im Grenzraum von Rott, Hellenthal und Mulartshütte – abgelegene Orte, zwischen denen oft gependelt wurde. Kirchenbucheinträge weisen auf Taufen in Rott und Hellenthal hin; vermutlich wohnten sie in der Nähe, möglicherweise in Mulartshütte.

Zeitgeschichtlicher Kontext: In dieser Zeit regierte Friedrich der Große (†1786) in Preußen, das Rheinland aber gehörte noch zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die Region war katholisch geprägt und stark von der Land- wirtschaft, dem Handwerk und kleinräumigen Herrschaftsstrukturen bestimmt.

Zwischen 1777 und 1792 brachte das Paar mindestens neun Kinder zur Welt:

Margaretha Gertrud (geb. 1777)

Joannes Jacobus (geb. 1779)

Anna Elisabeth (geb. 1780)

Johann Mathias (geb. 17. Januar 1783 in Rott)

Jacobus (geb. 1785)

Anna Barbara (geb. 1786)

Anna Catharina (geb. 1788)

Gertrud (geb. 1791)

Magdalena (geb. 1792)

Die genauen Wohnorte wechselten vermutlich, der Kirchgang aber blieb in den genannten Pfarreien. Die Familie gehörte dem ländlichen Handwerkerstand an – Georg Peter wird als Schneider bezeichnet.

Regionale Lage: Die Orte lagen am Rande der Eifel, nah bei der damaligen Reichs- stadt Aachen. Die Bevölkerung lebte einfach, meist in kleinen Häusern mit Stall und Garten, die Selbstversorgung war notwendig.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts veränderte sich die politische Lage drastisch: Die Französische Revolution hatte 1789 begonnen, und ab 1794 wurden die links- rheinischen Gebiete – darunter auch die Eifel – von französischen Truppen besetzt.

Übersiedlung nach Aachen – Zeit des Umbruchs

Zwischen 1792 und 1804 verlässt die Familie die Eifel und lässt sich in Aachen (bzw. Burtscheid) nieder. In den folgenden Jahren heiraten die Kinder Margaretha Gertrud (1804) und Jacobus (1809) bereits in Aachen. Der Familienname erscheint nun regelmäßig in der Schreibweise Egener – teils auch Eygener, Jean, George Pierre oder Jean Mathias, abhängig vom Schreiber und der Sprache des Dokuments.

Politischer Hintergrund: Die Region wurde nun Teil der Französischen Republik, später des Napoleonischen Kaiserreichs. Deutsch wurde durch Französisch im amtlichen Leben ersetzt, und viele Traditionen gerieten unter Druck. Auch die Verwaltung, das Bildungssystem und das Kirchenrecht wurden umgestaltet.

Georg Peter Egener stirbt am 17. Dezember 1807 in Aachen, kurz vor der Hochzeit seines Sohnes Johann Mathias.

Johann Mathias Egener – Leben im Wandel zwischen Frankreich und Preußen

Johann Mathias Egener, geboren am 17. Januar 1783 in Rott bei Hellenthal, war das vierte von neun Kindern des Schneiders Georg Peter Egener und seiner Ehefrau Anna Catharina Born. Er wurde am selben Tag in der örtlichen katholischen Kirche von Pfarrer Johannes Evangelist Schreiber getauft.

Zeitumstände: 1783 war das Ende der Regierungszeit Friedrichs des Großen. Die Region war noch Teil des Alten Reiches, doch erste Aufklärungsideen und Reformimpulse machten sich bereits bemerkbar. In Rott selbst blieb das Leben aber stark vom Rhythmus der Landwirtschaft und der Kirche bestimmt.

Über Johann Mathias’ Kindheit ist nichts überliefert. Wie die meisten Kinder seiner Zeit hatte er vermutlich keinen Zugang zu systematischer Bildung – eine allgemeine Schulpflicht wurde erst Jahrzehnte später durchgesetzt. Seine jüngste Schwester Magdalena wurde 1792 geboren, dem Jahr des Ausbruchs der Französischen Revolutionskriege, die das Rheinland grundlegend verändern sollten.

Umzug nach Burtscheid – Leben unter französischer Herrschaft

Zwischen 1790 und 1800 zog die Familie nach Burtscheid, damals eine selbst- ständige Stadt südlich von Aachen. Die Gründe für den Umzug lagen wahrscheinlich in besseren Arbeitsmöglichkeiten und der Nähe zu aufstrebenden Gewerbe- betrieben, insbesondere im Textilhandwerk.

Hintergrund: Ab 1794 besetzten französische Truppen das linke Rheinufer. Die alte Herrschaftsordnung wurde abgeschafft, die Gebiete in das französische Staatsgebiet eingegliedert. Verwaltung, Justiz, Kirchenwesen und Sprache wurden stark französisch geprägt. Viele Namen in den Dokumenten wurden “französisiert”, so auch „Jean Mathias Egener“.

Johann Mathias arbeitete in Burtscheid als Weber (frz. drapier) – ein Beruf, der im Zuge der aufkommenden industriellen Textilverarbeitung an Bedeutung gewann.

Am 1. November 1807 meldeten sich Jean Mathias Egener und Anne Gertrude Pontz beim französischen Standesamt von Burtscheid zur Eheschließung an. Die Trauung fand am 30. Dezember 1807 statt, durchgeführt vom Zivilbeamten Hammer.

Reform durch Napoleon: Seit 1798 waren Eheschließungen nicht mehr ausschließ- lich kirchlich, sondern mussten standesamtlich erfolgen – ein bis dahin ungewohnter Vorgang. Taufen, Trauungen und Beerdigungen wurden nun doppelt dokumentiert: kirchlich und zivilrechtlich. Dass Gertrud Pontz die Urkunde selbst unterschrieb, deutet auf eine gewisse Bildung hin, was zu dieser Zeit nicht selbstverständlich war – besonders bei Frauen.

Kurz vor der Hochzeit, am 17. Dezember 1807, starb Johann Mathias’ Vater Georg Peter Egener in Aachen.

Alltag im französisch besetzten Rheinland

Das erste Kind des Ehepaars wurde am 20. Mai 1808 geboren, starb aber noch am selben Tag. Ein Jahr später kam Pierre Joseph Egener zur Welt. Bei der Volks- zählung 1812 war die Familie in der Rue St. Jean Nr. 63 in Burtscheid registriert:

• Ehemann: Jean Mathias Egener (29), drapier (Tuchmacher)

• Ehefrau: Gertrude Pontz (23)

• Kinder: Joseph (3 Jahre), François (5 Monate)

• Weitere Haushaltsangehörige: Schwiegermutter Anne Catherine Pontz

Zeitgeschichtlicher Kontext: Die napoleonische Verwaltung brachte nicht nur neue Gesetze, sondern auch tiefgreifende Eingriffe in das Alltagsleben: Abschaffung der Feiertage, Einführung eines Revolutionskalenders, neue Maße und Gewichte. Viele Menschen hielten jedoch im Privaten an traditionellen Bräuchen fest. Für einfache Handwerker blieb die französische Zeit ambivalent – einerseits bot sie rechtliche Sicherheit, andererseits belasteten sie Steuern und Rekrutierungen.

Am 5. August 1814, also wenige Monate nach dem Ende der französischen Herrschaft, wurde das vierte Kind der Familie geboren: Gregoire Jean Egener, mein Ur-Ur-Ur-Großvater.

Politischer Umbruch: Mit der Niederlage Napoleons fiel das Rheinland 1815 an Preußen. Damit änderten sich Sprache, Verwaltung und Bildungswesen erneut – diesmal unter protestantisch-preußischem Einfluss. Für die katholische Bevölkerung des Westens begann damit ein neuer Abschnitt in einem sich wandelnden deutschen Staat.

Johann Gregor Egener – Tuchscherer in Burtscheid

Johann Gregor Egener wurde am 5. August 1814 in Burtscheid geboren – in eine Zeit politischer Neuordnung, nur wenige Monate nach dem Ende der französischen Herrschaft. Er war der Sohn des Webers Johann Mathias Egener und Gertrud Pontz, wuchs in einem von Handwerk und Textilproduktion geprägten Umfeld auf und trat später als Tuchscherer in das örtliche Erwerbsleben ein.

Zeitumstände: Burtscheid lag in einer der wichtigsten Textilregionen des Rheinlandes. Die Verarbeitung von Wolle, Tuch und Garn war zentrale Lebensgrundlage. Ein Tuchscherer hatte dabei die Aufgabe, fertig gewebte Tuche zu glätten und überstehende Fasern sorgfältig zu scheren – ein Beruf, der sowohl Präzision als auch Erfahrung verlangte.

Eheschließung und erste Jahre als Familienvater

Am 7. Juli 1838 heiratete Johann Gregor in Aachen Magdalena Corban, die am 19. April 1815 in Burtscheid geboren worden war. Sie war zunächst unehelich – ihre Eltern Johann Corban und Maria Anna Thimus heirateten jedoch im Folgejahr (8. Juni 1816), wodurch sie legitimiert wurde. Diese Tatsache wurde später in amtlichen Unterlagen ausdrücklich festgehalten.

Die Berichtigung eines amtlichen Fehlers (1868)

Ein bemerkenswertes Dokument aus dem Jahr 1868 gewährt einen seltenen Einblick in den Alltag und die Herausforderungen der Familie Egener-Corban: Ein Urteil des Königlichen Landgerichts Aachen vom 14. September 1868 belegt, wie ein schlichter Fehler bei der Geburtsregistrierung ihres Sohnes Heinrich Egener rechtliche Folgen hätte haben können.

Als Heinrich am 30. Mai 1854 geboren wurde, wurde im Geburtsregister versehentlich “Helena Thimmes” als Mutter eingetragen – vermutlich ein Schreibfehler, bei dem der Name der Großmutter mütterlicherseits (Thimister/Thimus) fälschlich übernommen wurde. Diese Abweichung hätte bei späteren amtlichen Vorgängen – etwa bei Erbschaften oder der Eheschließung – problematisch sein können.

Die Familie wandte sich an das Landgericht, das nach Prüfung der Unterlagen die Berichtigung der Geburtsurkunde anordnete. Bemerkenswert ist dabei:

• Die Familie erhielt “Armenrecht”, also kostenfreien Rechtsbeistand durch Justizrat Koenen – ein Hinweis auf begrenzte finanzielle Mittel.

• Trotz der einfachen Lebensverhältnisse war das Bewusstsein für amtliche Korrektheit und rechtliche Absicherung vorhanden.

• Die Beteiligten legten Zeugnisse und frühere Urkunden vor – ein Glücksfall für die heutige Familienforschung.

Letzte Jahre

Johann Gregor Egener starb am 14. Februar 1870 in Burtscheid, nur wenige Jahre vor der Gründung des Deutschen Kaiserreichs. Sein Leben war geprägt von Wandel: Er wurde in der letzten Phase der napoleonischen Zeit geboren, wuchs unter preußischer Ordnung auf, und arbeitete in einer Region, die durch Textilindustrie und wachsendes städtisches Leben geformt wurde. Seine Lebensgeschichte zeigt, wie sehr amtliche Genauigkeit, Berufsethik und familiärer Zusammenhalt auch in einfachen Verhältnissen geschätzt wurden.

Joseph Egener – Ein Leben zwischen Tradition und Wandel

Joseph Egener (mein Ur- Ur- Großvater) wurde am 30. Januar 1848 in Burtscheid geboren – in einer Zeit, in der das Rheinland tief im Spannungsfeld zwischen Industrialisierung, kirchlicher Tradition und dem wachsenden preußischen Einfluss stand. Als Sohn des Tuchscherers Johann Gregor Egener und Magdalena Corban wuchs Joseph in einem Handwerkerhaushalt auf, geprägt von Bescheidenheit, aber auch Genauigkeit im Umgang mit amtlichen und familiären Angelegenheiten.

Zeitumstände: In den 1850er- und 60er-Jahren wandelte sich Burtscheid zunehmend von einer handwerklich geprägten Kleinstadt zu einem Vorort des expandierenden Aachen. Die Textilindustrie boomte, Eisenbahnlinien wurden ausgebaut, und auch politische Umbrüche – wie die Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 – veränderten das öffentliche Leben.

Am 3. Oktober 1874 heiratete Joseph die aus Burtscheid stammende Maria Zimmermann. Aus dieser Ehe ging Peter Egener hervor, mit dem die Linie fortgeführt wurde.

Josephs Leben fiel in die Phase des Deutschen Kaiserreichs, das 1871 unter preußischer Führung gegründet wurde. Die Einführung der Reichsmark, die Vereinheitlichung des Rechtswesens und die staatlich gelenkte Kirchenpolitik (Kulturkampf) prägten auch das Alltagsleben katholischer Familien im Rheinland.

Trotz dieser großen Entwicklungen blieb das Leben vieler Familien im Lokalen verwurzelt. Joseph scheint, soweit überliefert, in Burtscheid geblieben zu sein – ein Zeichen für die enge Bindung an den Ort, der seiner Familie über Generationen hinweg Heimat war.

Joseph Egener starb am 31. Oktober 1901 in Burtscheid – kurz nach der Jahrhundertwende, in einer Zeit des technischen Fortschritts, aber auch wachsender sozialer Gegensätze. Seine Lebensspanne reichte vom Vormärz bis ins beginnende industrielle Zeitalter – ein stilles, aber stabiles Leben, eingebettet in die Geschichte einer Region im Umbruch.

Peter Egener – Ein Familienvater im Zeitalter der Moderne

Peter Egener (mein Urgroßvater) wurde am 19. September 1875 in Aachen geboren. Er wuchs in einer Zeit auf, in der Aachen sich vom alten Kaiserstadtbild zur modernen Industriestadt wandelte. Die Straßen wurden elektrifiziert, Eisenbahn und Nahverkehr prägten das Stadtbild – und Peter selbst wurde Teil dieser Entwicklung: Er arbeitete als Kleinbahnwagenführer, also im innerstädtischen oder regionalen Schienenverkehr.

Ehe und Familie

Am 20. Oktober 1900 heiratete Peter die Erzieherin Maria Catharina Schmetz. Zu dieser Zeit wohnte er in Aachen, Mühlradstraße 8, später (1902) dann in der Krugenofen 6 – beides typische Arbeiter- und Handwerkerviertel der Stadt. Das Ehepaar bekam neun Kinder:

Leonhard (geb. 1902)

Maria Anna (1903)

Katharina (1905)

Nikolaus (1906)

Josef (1907)

Johann (1908)

Elise (1909)

Franziska (1912)

Johannes (1914)

Diese Kinder wuchsen in einer Welt auf, die zwischen technischer Moderne und den politischen Krisen des frühen 20. Jahrhunderts schwankte.

Leben in bewegter Zeit

Peter Egeners Familienleben fiel in die Zeit der Kaiserzeit, des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik. Als der Krieg 1914 begann, war er fast 40 Jahre alt, seine älteren Kinder noch im Schulalter. Wahrscheinlich war er selbst nicht mehr wehrpflichtig, doch seine Familie erlebte die Härten des Kriegs mit: Lebensmittel wurden knapp, Väter und Brüder eingezogen, der Alltag wurde mühsam.

Nach dem Krieg geriet das Rheinland, also auch Aachen, unter alliierte Besatzung. Zwischen 1923 und 1925 wurde Aachen zeitweise von belgischen Truppen kontrolliert. Es war eine Phase der Unsicherheit – auch wirtschaftlich: Die Inflation 1923 ließ Ersparnisse über Nacht wertlos werden. Erst mit der Währungsreform 1924 und der Stabilisierung in den späten 1920er-Jahren verbesserte sich die Lage langsam.

Letzte Lebensjahre

Peter Egener erlebte auch den Zweiten Weltkrieg und die schwierige Nachkriegszeit. Er starb am 29. Januar 1953 in Aachen, nach einem langen Leben, das fast acht Jahrzehnte umspannte – von der Kaiserzeit über zwei Weltkriege bis in die frühe Bundesrepublik. Seine zahlreichen Kinder trugen den Namen Egener in eine neue Zeit.

Leonhard Egener – Leben durch zwei Weltkriege

Leonhard Egener, geboren am 1. August 1902 in Aachen, war das älteste Kind von Peter Egener und Maria Catharina Schmetz. Wie sein Vater arbeitete er als Kleinbahnführer – ein Beruf, der Präzision, Verantwortung und Verlässlichkeit ver- langte. Der Beruf war typisch für die wachsenden Städte im frühen 20. Jahrhundert, in denen der öffentliche Nahverkehr zur Lebensader des Alltags wurde.

Eine junge Familie im Krisenjahr

Am 28. Juli 1925, nur wenige Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, heiratete Leonhard Elisabeth Dautzenberg. Im selben Jahr kam ihr erster Sohn Peter zur Welt. Die Ehe blieb fruchtbar, trotz wirtschaftlich angespannter Zeiten. Es folgten:

Maria (1928)

Therese (1930)

Rudolf (10. Mai 1932)

Leo (1934–1934)

Privat

Privat

Die 1920er- und 30er-Jahre waren für die junge Familie von wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt. Die Weltwirtschaftskrise 1929 traf auch Deutschland hart. Arbeitslosigkeit, Inflation und politische Spannungen bestimmten den Alltag.

Familie im Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 fiel in eine Phase, in der die Familie schon fest im Leben stand. Die älteren Kinder gingen zur Schule, Leonhard arbeitete weiterhin als Kleinbahnführer. Der Zweite Weltkrieg brachte neue Heraus- forderungen: Luftangriffe, Rationierungen, Dienstverpflichtungen und die allgemeine Unsicherheit prägten die Jahre ab 1939.

1944 wurde der jüngste Sohn Heinz in Verl geboren – vermutlich war die Familie zu diesem Zeitpunkt evakuiert worden. Verl liegt in Westfalen, fern von Aachen, das im Krieg stark zerstört wurde.

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg kehrte Leonhard mit seiner Familie in die zerstörte Heimatstadt zurück. Es war eine Zeit des Wiederaufbaus, der Improvisation, aber auch des Neuanfangs. In der jungen Bundesrepublik setzte sich Leonhards Lebensweg ruhig fort.

Elisabeth, seine Ehefrau, starb 1967. Ein Jahr später, 1968, heiratete er ihre Schwester Josefine – eine Verbindung, die in dieser Generation nicht unüblich war. 

Leonhard Egener starb am 23. September 1980 im Marienhospital Aachen, im Alter von 78 Jahren. Sein Leben spannte sich über das deutsche Kaiserreich, zwei Weltkriege und die wirtschaftliche Erneuerung der Nachkriegszeit hinweg. Er hinterließ eine große Familie, die ihren Platz in der neuen Zeit fand. 

Die Familie Egener bei der Aachener Straßenbahn – Drei Generationen im Fahrdienst

Die Geschichte der Familie Egener bei der ASEAG (Aachener Straßenbahn und Energieversorgungs-AG) ist ein bemerkenswertes Beispiel für familiäre Kontinuität, Berufsethik und den Wandel des öffentlichen Nahverkehrs im Raum Aachen – über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren.

Familientradition bei der ASEAG in Aachen

Peter Egener, geboren 1875 in Aachen, trat im Jahr 1900 im Alter von 25 Jahren in den Fahrdienst der Aachener Straßenbahn ein. Er blieb seinem Beruf über 38 Jahre treu – von der Kaiserzeit über den Ersten Weltkrieg bis weit in die Weimarer Republik hinein. Sein Einsatz reichte bis zu seinem Tod im Jahr 1953.

Er war mit großer Überzeugung Straßenbahnfahrer, auch wenn er selbst den Beruf seinen Söhnen nicht unbedingt empfahl – zu unregelmäßig, zu fordernd. Einer seiner Söhne erinnerte sich später: „Wir Kinder haben Vater eigentlich gar nicht richtig gekannt.“

Die Arbeitsbedingungen zur Jahrhundertwende waren hart: bis zu 14 Stunden pro Tag, nur alle 14 Tage ein freier Tag. Ein Schaffner verdiente 2,70 Mark pro Schicht, der Fahrer nur geringfügig mehr. Dennoch galt die Arbeit als angesehen.

Peter Egener fuhr lange Zeit die Strecke von Aachen nach Maria-Grube, den sogenannten „Bergmanns-Wagen“. Der Kontakt zu den Fahrgästen war persönlich. Man kannte sich, wartete, wenn jemand fehlte – oft gab es ein freundliches Wort oder einen Schluck aus der „Bergmanns-Pulle“.

Sein Grundsatz:

„Wenn du ein guter Fahrer sein willst, dann fahr immer so, als wäre der Wagen dein Eigentum.“

Die zweite Generation – Drei Söhne folgen dem Vater

Trotz seines Rats schlugen drei von vier Söhnen den gleichen beruflichen Weg ein:

Josef Egener (geb. ca. 1896, gest. 1930) begann 1910 mit 14 Jahren als Lehrling in der Werkstatt der ASEAG. Nach der Ausbildung wurde er Straßen- bahnfahrer, starb aber bereits 1930 an einer Krankheit.

Leonhard (Leo) Egener (1902–1980), ursprünglich Schuhmacher, wechselte 1924 zum Fahrdienst. Fast 25 Jahre fuhr er Straßenbahn, anschließend war er noch zehn Jahre im Innendienst tätig. Aus gesundheitlichen Gründen wurde er vorzeitig pensioniert.

Johannes Egener (geb. 1914) trat 1939, ein Jahr nach der Pensionierung des Vaters, in den Dienst der ASEAG ein. Er fuhr Straßenbahn, Obus und später Bus – zuletzt auf der Linie 12. Er hielt die Familientradition bis in die Nachkriegszeit aufrecht.

Der vierte Sohn blieb außerhalb des Fahrdienstes; über ihn liegen keine dienstlichen Angaben vor.

Die dritte Generation – Peter Egener (geb. 1925)

Peter Egener, Sohn von Leonhard, wurde 1925 geboren. Er erlernte zunächst bei Talbot den Beruf des Spritzlackierers. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegs- gefangenschaft 1948 war er durch eine Handverletzung beruflich eingeschränkt. Er meldete sich bei der ASEAG – und trat damit als vierte Egener-Generation in den Betrieb ein.

Peter Egener fuhr oft dieselben Linien wie sein Vater. Wenn sie sich unterwegs begegneten, winkten sie sich zu – ein stilles Zeichen familiärer Verbundenheit, das Peter noch von seinem eigenen Großvater kannte.

Wegen gesundheitlicher Probleme musste er später den Fahrdienst aufgeben und arbeitete in der Lohnbuchhaltung der ASEAG weiter.

Fazit – Ein halbes Jahrhundert an der Kurbel

Vier Generationen der Familie Egener haben das Gesicht des öffentlichen Nahverkehrs in Aachen mitgeprägt – zuerst auf Schienen, später mit dem Bus. Die ASEAG würdigte die Familie in ihrer Mitarbeiterzeitschrift als Vorbild für Verlässlich- keit, Pflichtbewusstsein und Zusammenhalt. Was als einzelner Berufsweg begann, wurde zu einer gelebten Familientradition – selten, aber umso bedeutender.

Mein Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater Martinus Neulen: Schuld oder Unschuld

Die beiden Quellentexte bieten eine biografische Übersicht über Martinus Neulen (geb. 1712), der ein widersprüchliches Doppelleben im 18. Jahrhundert führte. Neulen war einerseits ein angesehener Schöffe (Richter) der Herrlichkeit Rimburg, der über die Rechtsprechung urteilte; andererseits war er ein führendes Mitglied der berüchtigten Bockreiterbanden, die in der Region zwischen Maas und Rhein plünderten. Nach seiner Verhaftung und Folter im Jahr 1772, unter der er seine Verbrechen gestand, entzog er sich der Hinrichtung durch Selbstmord in seiner Zelle. Beide Quellen betonen, dass Neulens Leichnam dennoch zur Abschreckung durch die Straßen geschleift und am Galgen aufgehängt wurde. Sie weisen darauf hin, dass die historische Bewertung der Bockreiterprozesse schwierig ist, da die Geständnisse oft unter Folter erzwungen wurden, was auch Neulens angeblichem Anführer Joseph Kirchhoffs widerfuhr.

Die Straßenbahner-Familie Egener: Drei Generationen in Uniform

Diese Episode beschreibt die Geschichte der Familie Egener, die über mehrere Generationen hinweg als Straßenbahnfahrer für die Aachener Straßenbahn (ASEAG) tätig war, beginnend im Jahr 1900 mit Peter Egener. Es beleuchtet den Korpsgeist und das Gefühl einer „Betriebsfamilie“ unter den Straßenbahnern, wobei der Beruf oft als mehr als nur ein Job, sondern als Berufung verstanden wurde. Der Artikel stellt die Entwicklung der Arbeitsbedingungen dar, vom 12-Stunden-Tag in der „guten alten Zeit“ mit langen Pausen und geringem Stress, bis hin zu den heutigen Anforderungen an Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit im modernen Einmannbetrieb. Es verdeutlicht, wie der Beruf des Straßenbahnfahrers, trotz seiner Anforderungen, eine tiefe Verbundenheit und Tradition innerhalb der Familie Egener schuf, die über 125 Dienstjahre bei der ASEAG auf sich vereint.

Friedrich Winters Leben: Familie, Beruf und Militärdienst

Die Quellen bieten einen detaillierten Überblick über das Leben von Friedrich Winter (1881-1943), der die Herausforderungen des frühen 20. Jahrhunderts in Deutschland exemplarisch erlebte. Sie beschreiben seine Karriere als Bergmann in der Saarpfalz und später in Alsdorf sowie seinen umfangreichen Militärdienst im 2. Pionierbataillon, der in der Teilnahme am Ersten Weltkrieg in Frankreich, Serbien und an der griechischen Grenze gipfelte. Die Texte heben hervor, dass Winter während des Krieges mit der Malaria infiziert wurde, was schließlich zu seinem frühen Tod führte, und dass er 1917 mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet wurde. Besondere familiäre Tragödien werden erwähnt, insbesondere der Verlust seines Sohnes Karl und seines Schwiegersohns Johann Brosius bei einem Grubenunglück in Alsdorf im Jahr 1930. Die zweite Quelle ergänzt diese Erzählung durch eine detaillierte Zeitleiste sowie Listen seiner Eltern, sieben Geschwister und vier Kinder, was einen genealogischen Rahmen für Friedrich Winters Leben liefert.

Wir Wilhelm von Gottes Gnaden König von Preussen

so ist die Urkunde überschrieben. Diese Quellentexte beschreiben die gerichtliche Rektifikation (Korrektur) eines Geburtsregistereintrags aus dem Jahr 1854, welche 1868 vor dem Königlichen Landgericht Aachen verhandelt wurde. Die Antragsteller, die Eheleute Johann und Magdalena Egener aus Burtscheid, ersuchten die Korrektur der Geburtsurkunde ihres Sohnes Heinrich, da der Name der Mutter fälschlicherweise als „Helena Thimmes“ statt des korrekten Namens „Magdalena Corban“ eingetragen worden war. Das Gericht erkannte den Irrtum als bewiesen an, da die Heirats- und Geburtsurkunden der Mutter die korrekte Identität belegten, und ordnete die entsprechende Änderung im Zivilstandsregister an. Die Familie Egener wurde als „Armensache“ behandelt, was bedeutete, dass ihnen die Prozesskosten weitgehend erlassen wurden, obwohl sie die Kosten für die Rektifikation selbst trugen. Die Dokumente bieten einen detaillierten Einblick in die preußische Gerichtspraxis des 19. Jahrhunderts bei der Korrektur von Personenstandsfehlern.

Erfroren

Lokal-Nachrichten vom 18.2.1892.

Aachen, 18. Februar.

Erfroren. Heute Morgen wurde in der Nähe des von Burtscheid durch die Rothbenden nach Steinebrück führenden Weges die Leiche eines dem Arbeiterstande angehörigen Mannes aufgefunden, welcher augenscheinlich im Laufe der letzten Nacht sich verirrte und schließlich durch Ermattung der Kälte zum Opfer fiel. – Von anderer Seite wird uns noch berichtet: heute früh fanden Kinder, welche sich von Steinebrück zur Schule begaben, den von Burtscheid gebürtigen Tagelöhner Peter Egener, gegen 70 Jahre alt, erfroren auf dem Eise liegend vor, und zwar in den Rothbenden, in der Nähe der Ziegelei. Derselbe war augenscheinlich vom Wege abgewichen, und hatte sich, glaubend, er sei zu Hause, schlafen gelegt. Den Rock und eine leinene Jacke hatte er ausgezogen und sich damit zugedeckt; eine noch halb gefüllte Schnapsflasche lag neben ihm, ein noch mit Essen gefülltes Geschirr hatte er in der Mütze zur Seite stehen. Die Leiche wurde zum Kirchhofe gebracht und dort aufgebahrt. (Wiederholt, weil nicht in allen Exemplaren der ersten Ausgabe enthalten.)

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