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Artikel zur Familiengeschichte

Der Tag, an dem das Abenteuer zur Tragödie wurde

Ein Junge, ein Lastwagen und eine Warnung aus 1933: Was uns ein tragischer Fund in den Familienarchiven lehrt

1. Einleitung: Wenn die Ahnenforschung plötzlich lebendig (und schmerzhaft) wird

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In der Ahnenforschung verbringen wir oft unzählige Stunden damit, durch digitale Archive zu navigieren und trockene Listen von Namen, Geburtsdaten und Sterbeorten zu wälzen. Doch gelegentlich stoßen wir bei der Sichtung der Bestände auf Dokumente, die das Papier verlassen und eine tiefgreifende menschliche Dimension annehmen. Ein Zeitungsfund aus dem Juni 1933 über den elfjährigen Johann Egener ist ein solches Beispiel.

Was zunächst wie eine bloße statistische Notiz in einer Chronik wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein erschütterndes Zeitzeugnis. Die Geschichte von Johann ist weit mehr als eine bloße Fußnote; sie ist ein Fenster in eine Zeit, in der das Spiel auf der Straße tödliche Gefahren barg, und ein Beleg dafür, wie Archivarbeit emotionale Tiefe gewinnt, wenn das Schicksal eines Einzelnen die soziale Realität einer ganzen Epoche beleuchtet.

2. Takeaway 1: Der „Seitenast“ – Warum nicht jeder Verwandte ein Vorfahre ist

Als Digitaler Archivar ist mir Präzision in der Stammbaumführung heilig. Bei der Aufarbeitung der Familie Egener stieß ich auf Gottfried Egener, den Vater des verunglückten Jungen. Hier ist eine genaue genealogische Unterscheidung essenziell: Nicht jede Person mit demselben Nachnamen gehört zur direkten Ahnenlinie.

  • Die Verwandtschaft: Gottfried Egener war kein direkter Urgroßvater, sondern der Cousin 2. Grades des Ur-Ur-Großvaters Joseph Egener.
  • Der gemeinsame Stammvater: Beide Linien führen zurück auf den gemeinsamen Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Georg Peter Egener. Während die direkte Stammlinie über dessen Sohn Johann Mathias verläuft, zweigt Gottfrieds Zweig bei dessen Bruder Jacob ab.

Reflexion: Diese Unterscheidung ist für die Integrität der Forschung entscheidend. Ein solcher „Seitenast“ dokumentiert die weit verzweigte Präsenz der Familie im Raum Aachen/Burtscheid. Er erinnert uns daran, dass Familiengeschichte kein einsamer Pfad ist, sondern ein Geflecht aus parallelen Leben, die alle denselben Ursprung teilen.

3. Takeaway 2: Die „gefährliche Unsitte“ des Anhängens

Der tragische Vorfall vom 7. Juni 1933 illustriert ein gefährliches Phänomen der Zwischenkriegszeit: das „Anhängen“. Kinder nutzten schwere Lastwagengespanne als riskante Mitfahrgelegenheit, indem sie sich an die Verbindungsstangen zwischen Motorwagen und Anhänger klammerten.

An jenem Mittwoch, gegen 16:50 Uhr, passierte ein schwerer Lastzug einer Stolberger Firma die Aachener Passstraße. Fünf Jungen sahen darin ein willkommenes „Abenteuer“. Trotz wiederholter Warnungen kletterten sie auf die Stangen des Anhängers. Kurz vor der Einmündung in die Jülicher Straße wollten sie abspringen. Während drei Jungen sicher landeten und ein vierter mit Hautabschürfungen davonkam, geschah das Unfassbare: Johann Egener kam zu Fall und geriet unter die schweren Räder.

„Hunderte Male geht es gut, und eines Tages ist es plötzlich aus – und dann sind die Reue nicht und Tränen nicht mehr imstande, das Unheil ungeschehen zu machen.“

Der archivarische Abgleich der Quellen zeigt die ganze Härte des Unfalls: Während das Echo der Gegenwart von „Quetschungen“ spricht, nennt der Aachener Anzeiger die medizinische Realität beim Namen: Ein Oberschenkelbruch und ein fataler Dammbruch. Trotz sofortiger Einlieferung in das Mariahilf-Krankenhaus durch die Feuerwehr erlag der Junge gegen 21:00 Uhr seinen Verletzungen.

4. Takeaway 3: Ein einziger Sohn unter fünf Kindern – Die Tiefe des Verlusts

Hinter den Polizeimeldungen verbirgt sich das soziale Drama einer Aachener Arbeiterfamilie. Die Familie Egener wohnte in der Jülicher Straße 45. Gottfried Egener war als Fabrikarbeiter tätig – eine Existenz, die in der wirtschaftlich instabilen Zeit der 1930er Jahre oft von Entbehrungen geprägt war.

Johann war der einzige Sohn und das zweitjüngste von insgesamt fünf Kindern. In der damaligen Gesellschaftsstruktur wog der Verlust des einzigen männlichen Nachkommen besonders schwer. Er war nicht nur ein geliebtes Kind, sondern als „Stammhalter“ die Hoffnung auf die Fortführung des Familiennamens und die künftige wirtschaftliche Stütze der Eltern. Sein Tod riss eine Lücke in das familiäre Gefüge, die weit über den emotionalen Schmerz hinausging.

5. Takeaway 4: Die Zeitung als moralische Instanz und Erzieher

Die Berichte im Aachener Anzeiger und im Echo der Gegenwart fungierten 1933 explizit als moralische Erzieher. Unter der Schlagzeile „Allen Kindern zur Warnung!“ wurde der Tod des Jungen instrumentalisiert, um Disziplin einzufordern.

Die Sprache der damaligen Presse war direkt und mahnend. Sie brandmarkte den „jugendlichen Übermut“ und die „Tollkühnheit“ der Kinder als Ursache, während sie gleichzeitig die „Liebe und Sorge“ der Eltern hervorhob, denen nun schweres Leid zugefügt wurde. Im Vergleich zur heutigen, eher distanzierten Berichterstattung, suchten die Zeitungen damals den direkten moralischen Appell an die Leserschaft, um aus der Tragödie eine gesellschaftliche Lehre zu ziehen.

6. Takeaway 5: Orte, die bleiben – Die Geografie eines Unglücks

Historische Recherche wird greifbar, wenn man sie geografisch verortet. Der Unfallort – die Passstraße an der Einmündung zur Jülicher Straße – ist für jeden Aachener auch heute noch ein Begriff. Das bittere Detail: Johann verunglückte fast vor seiner eigenen Haustür. Die Jülicher Straße 45 lag nur wenige hundert Meter vom Unfallort entfernt; er war fast zu Hause.

Der Abgleich mit den Aachener Adressbüchern unterstreicht die Beständigkeit dieser Orte: Gottfried Egener wohnte auch 1938, fünf Jahre nach dem Verlust seines Sohnes, noch immer unter derselben Adresse. Die Verknüpfung der historischen Schauplätze – von der Passstraße über das Mariahilf-Krankenhaus bis hin zur elterlichen Wohnung – verwandelt eine abstrakte Stadtkarte in einen Schauplatz gelebter und erlittener Geschichte.

Fazit: Mehr als nur Daten und Fakten

Die Rekonstruktion des Schicksals von Johann Egener zeigt, dass Genealogie weit mehr ist als das bloße Sammeln von Namen. Es ist die Verbindung von Familiengeschichte, Sozialhistorie und individueller Tragik. Solche Funde entlarven die Vorstellung der „guten alten Zeit“ als eine Ära, die oft von harten Lebensbedingungen und plötzlichen Schicksalsschlägen gezeichnet war.

Die Arbeit im Archiv gibt jenen eine Stimme, deren Geschichte sonst im Rauschen der Zeit verloren gegangen wäre. Sie erinnert uns daran, dass hinter jedem Aktenzeichen ein echtes Leben mit Hoffnungen und Fehlern stand.

Welche ungeschriebenen Geschichten schlummern wohl noch in den Seitenästen Ihres eigenen Stammbaums, die darauf warten, gehört zu werden?

© Ernst Egener 2026

Friedrich Winter II 1881 – 1943 Zeitleiste

Friedrich Winter II mein Urgroßvater

Zeitleiste Friedrich Winter (1881-1943)

Frühe Jahre und Berufsbeginn

1881 – Geburt in Mittelbexbach

25. November 1897 (16 Jahre alt) – Beginn der Bergmannslaufbahn am 16. Geburtstag

  • Erste Anfahrt als Bergmann bei Grube König
  • Wurde am 4. November 1897 von Dr. König als bergarbeitstauglich befunden
  • Erhielt sein erstes Knappschaftsbuch

Militärzeit – Grunddienst und Ausbildung

23. Oktober 1902 (21 Jahre alt) – Diensteintritt als Rekrut

  • Einberufung zum 2. Pionier-Bataillon, 2. Kompagnie
  • Truppenstammrolle Nr. 74 für 1902
  • Militärische Ausbildung mit Gewehr 88, Schießklasse 1

20. September 1904 – Entlassung zur Reserve

  • Nach zweijährigem Grunddienst

Reserveübungen und Familiengründung

1905 – Heirat mit Margaretha Weber

  • Margaretha Weber, geboren am 24. Januar 1884 in Mittelbexbach
  • Heirat am 1. März 1905 (vermerkt im Knappschaftsbuch am 21. März 1905)

2.-22. August 1906 – Erste Reserveübung

  • 21-tägige Reserve-Übung
  • Führung: sehr gut, keine Strafen

31. August – 20. September 1909 – Zweite Reserveübung

  • 21-tägige Reserve-Übung
  • Zusätzliche Ausbildung mit Gewehr 98
  • Führung: sehr gut, keine Strafen

5. April 1910 – Übergang zur Landwehr

  • Übertritt zur Landwehr 1. Aufgebots

Wohnortwechsel und weitere Militärübungen

1912 – Umzug nach Alsdorf

  • Abmeldung aus Zweibrücken am 24. September 1912
  • Abkehr von Grube König am 23. September 1912
  • Neue Adresse am 8. Oktober 1912: Kellersberg, Othbergstraße 34

11.-24. Juni 1913 – Landwehrübung

  • 14-tägige Landwehrübung bei Rheinisches Pionier-Bataillon Landwehr Kompagnie 8
  • Führung: sehr gut, keine Strafen
  • Entlassung nach Kellersberg, Kreis Aachen

1914 – Adresse: Kellersberg, Verbindungsstraße 6

Erster Weltkrieg – Kriegsdienst

12. August 1914 – Kriegsausbruch und Mobilmachung

  • Beginn des Kriegsdienstes

12. August 1914 – 9. September 1915 – Feldzug gegen Frankreich

  • Über ein Jahr an der Westfront

7.-11. Oktober 1915 – Donauübergang

  • Verlegung auf den Balkan

6. Oktober – 28. November 1915 – Feldzug in Serbien

  • Teilnahme an der Eroberung Serbiens

1. Dezember 1915 – 3. März 1916 – Aufmarsch an der griechischen Grenze

  • Vorbereitung für weitere Balkanoperationen

4. März – 15. Oktober 1916 – Kämpfe an der griechischen Grenze

  • Über sieben Monate im Kampfeinsatz
  • Malaria-Erkrankung während des Griechenland-Einsatzes
  • Die Malaria wird später zu seinem Tod 1943 beitragen

21. Oktober 1916 – 17. April 1917 – Kämpfe bei Monastir und an der Cerna

  • Intensive Kampfhandlungen auf dem Balkan
  • Fortsetzung der Balkanfront trotz Malaria-Erkrankung

17. April 1917 – Versetzung zum Ersatz-Bataillon

  • Überweisung zum Ersatz-Bataillon, Pionier-Bataillon 8
  • Zuteilung zur 2. Ersatz-Kompagnie am 27. April 1917

7. April 1917 – Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse

  • Anerkennung für Tapferkeit im Feld

9. Juni 1917 – Arbeitsurlaub

  • Entlassung zur Arbeitsaufnahme beim Eschweiler Bergwerks-Verein in Kohlscheid
  • Zurückstellung bis 20. September 1917

Kriegsende und Nachkriegszeit

26. November 1918 – Kriegsende und Demobilmachung

  • Entlassung aus dem Heeresdienst wegen Demobilmachung
  • Anmeldung bei der Polizei Kellersberg

31. Juli 1919 – Rückkehr zur Bergarbeit

  • Beginn der Arbeit bei Grube Anna II

Nachkriegsleiden und Kampf um Anerkennung

1. Februar 1919 – 1. Januar 1920 – Erste Kriegsversehrtenrente

  • Rente von 10% wegen Kriegsdienstbeschädigung durch Malaria und Ischias
  • Nur einjährige Bewilligung

18. Juli 1924 – Antrag auf höhere Rente

  • Antrag beim Versorgungsamt Aachen wegen Verschlimmerung
  • Gutachten Dr. Bebenburg (Köln): 30% Erwerbsminderung durch Malaria und Ischias

24. November 1924 – Bewilligung 30% Rente

  • Versorgungsamt Aachen bewilligt 30% Rente ab 1. Juli 1924
  • Friedrich Winter geht in Berufung für höhere Rente

20. Februar 1925 – Gerichtsentscheid: 40% Kriegsversehrtenrente

  • Versorgungsgericht Aachen erhöht Rente auf 40%
  • Gerichtsarzt Dr. Viehöfer bestätigt: „Malarialeiden beeinflusst Allgemeinbefinden ungünstig“
  • „Herztätigkeit ist matt“ – deutliche Verschlechterung seit Kriegsende
  • Rückwirkende Zahlung ab 1. Juli 1924

3. Mai 1935 – Ehrenkreuz für Frontkämpfer

  • Verleihung des Ehrenkreuzes für Frontkämpfer (16 Jahre nach Kriegsende)

1943 – Tod in Alsdorf

  • Friedrich Winter stirbt im Alter von 62 Jahren
  • Tod als Spätfolge der Malaria-Erkrankung aus dem Griechenland-Feldzug (1916)
  • 27 Jahre nach der Infektion in Griechenland

Zusammenfassung der Kriegsteilnahme

Friedrich Winter diente insgesamt etwa 3 Jahre und 4 Monate im Ersten Weltkrieg, davon die meiste Zeit auf dem Balkan. Seine Laufbahn zeigt einen typischen Verlauf eines deutschen Pioniers, der sowohl an der Westfront als auch auf dem Balkan eingesetzt wurde. Seine Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und die durchweg positive Bewertung seiner Führung („sehr gut“) sprechen für einen zuverlässigen und tapferen Soldaten.

Friedrich Winter II 1881-1943

Friedrich Winter II mein Urgroßvater

Friedrich Winter II (1881-1943)

Ein Leben zwischen Bergbau und Weltkrieg

Herkunft und frühe Jahre

Friedrich Winter wurde am 25. November 1881 in Mittelbexbach (heute Teil von Bexbach im Saarpfalz-Kreis) geboren. Er war der Sohn von Friedrich Winter I (1865-1919), einem später pensionierten Bergmann, und Katharina Trautmann (geboren vor 1860 und gestorben nach 1905).

In die Fußstapfen seines Vaters tretend, wurde Friedrich ebenfalls Bergmann und begann seine Laufbahn bereits im jungen Alter von 16 Jahren im November 1897. Sein Leben sollte bald sowohl durch Militärdienst als auch durch familiäre Verantwortung geprägt werden.

Militärdienst und Familiengründung

Am 23. Oktober 1902 trat Friedrich als Rekrut seinen Militärdienst im 2. Pionierbataillon an. Er diente bis zum 20. September 1904, als er zur Reserve entlassen wurde. Dies war jedoch nur der Beginn seiner militärischen Laufbahn, da er später zu mehreren Reserveübungen und schließlich zum Kriegsdienst einberufen werden sollte.

Friedrich heiratete am 1. März 1905 Margaretha Weber in Mittelbexbach. Margaretha, geboren am 24. Januar 1884 in Bexbach, war die Tochter von Ludwig Weber und Barbara Mathieu, die zum Zeitpunkt der Hochzeit bereits verstorben waren. Die Trauung wurde von Friedrichs Vater und Franz Ruffing, einem 30-jährigen Bergmann aus Mittelbexbach, bezeugt.

Das Ehepaar wurde mit vier Kindern gesegnet: Am 6. Dezember 1905 kam ihre erste Tochter Rosa in Bexbach zur Welt, gefolgt von ihrem Sohn Karl am 27. März 1909, ebenfalls in Bexbach geboren. Später bereicherten zwei weitere Töchter, Anna und Klara, die Familie Winter.

Während dieser frühen Familienjahre erfüllte Friedrich weiterhin seine militärischen Pflichten und nahm an Reserveübungen im August 1906, August-September 1909 und Juni 1913 teil. Seine Dienstakte vermerkte durchweg „sehr gute Führung“ ohne disziplinarische Maßnahmen.

Erster Weltkrieg und seine Folgen

Der Erste Weltkrieg veränderte Friedrichs Leben drastisch. Vom 12. August 1914 bis zum 9. September 1915 diente er im Feldzug gegen Frankreich. Anschließend nahm er vom 6. bis 28. November 1915 am Serbienfeldzug teil, einschließlich der kritischen Donauüberquerung vom 7. bis 11. Oktober. Von Dezember 1915 bis März 1916 war er an der griechischen Grenze stationiert und kämpfte später im Oktober 1916 in Schlachten nahe Monastir und am Fluss Crna. Während seines Einsatzes an der griechischen Grenze infizierte sich Friedrich mit Malaria – eine Krankheit, die sein weiteres Leben beeinflussen und letztendlich zu seinem frühen Tod führen sollte.

Für seine Tapferkeit während des Krieges wurde Friedrich am 7. April 1917 mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Kurz darauf, am 17. April 1917, wurde er zum Ersatzbataillon des 8. Pionierbataillons versetzt und am 27. April der 2. Ersatzkompanie zugeteilt.

Im Juni 1917 wurde Friedrich aus dem aktiven Dienst entlassen, um für den Eschweiler Bergwerks-Verein in Kohlscheid nahe Kellersberg zu arbeiten. Er begann diese zivile Arbeit am 12. Juni 1917 in Alsdorf in der Region Aachen. Nach Deutschlands Niederlage wurde Friedrich am 26. November 1918 im Rahmen der vom Aachener Bezirkskommando angeordneten Demobilmachung formell entlassen.

Schicksalsschläge und späte Jahre

Friedrich erlebte in den Jahren nach dem Krieg erhebliche familiäre Verluste. Sein Vater verstarb am 25. März 1919 in Bexbach. Seine Tochter Rosa heiratete am 13. September 1929 Johann Brosius in der Herz-Jesu-Kirche in Kellersberg, Alsdorf.

Ein besonders schwerer Schicksalsschlag traf die Familie am 21. Oktober 1930: Bei einem verheerenden Grubenunglück in Alsdorf verlor Friedrich nicht nur seinen Sohn Karl, sondern auch seinen Schwiegersohn Johann Brosius, den Ehemann seiner Tochter Rosa. Diese doppelte Tragödie erschütterte die Familie zutiefst und hinterließ Rosa als junge Witwe mit ihrer Tochter Johanna.

Friedrich Winter verbrachte den Rest seines Lebens in Alsdorf, wo er am 30. Januar 1943 im Alter von 61 Jahren an den Folgen seiner während des Krieges in Griechenland erworbenen Malaria-Erkrankung verstarb. Seine Ehefrau Margaretha überlebte ihn um mehr als drei Jahrzehnte und lebte bis 1976.

Vermächtnis

Durch seine Töchter Rosa (1905-1992), Anna und Klara setzte sich Friedrichs Linie fort. Rosa hatte ein Kind namens Johanna aus ihrer Ehe mit Johann Brosius und heiratete später Aloïs Schwan.

Friedrich Winters Leben erstreckte sich über eine turbulente Periode der deutschen Geschichte, vom Wilhelminischen Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik bis in die frühen Jahre des Zweiten Weltkriegs. Seine Erfahrungen als Bergmann, Soldat und Familienvater spiegeln die Herausforderungen und die Widerstandsfähigkeit gewöhnlicher Deutscher während dieser prägenden Epoche wider. Die gesundheitlichen Folgen seines Kriegseinsatzes, die ihn für den Rest seines Lebens begleiteten, und die tragischen Verluste, die seine Familie erleiden musste, stehen beispielhaft für die Opfer, die viele Familien dieser Generation bringen mussten.

Salomea Ecker – Hebamme in der Pfalz 1816 –

Salomea Winter geb. Ecker die Großmutter meines Urgoßvaters

Salomea Ecker – Hebamme in der Pfalz

Salomea Ecker wurde am 22. Januar 1816 in Erbach geboren und war mit Heinrich Winter verheiratet. Auf einer Geburtsurkunde aus Höchen/Waldmohr wird sie als „gesetzliche Hebamme von Oberbexbach“ bezeichnet – ein Titel, der ihren besonderen beruflichen Status in der damaligen Zeit unterstreicht.

Beruflicher Status und Bedeutung

Die Bezeichnung „gesetzliche Hebamme“ zeigt, dass Salomea Ecker eine staatlich anerkannte und offiziell bestellte Hebamme war. Dies bedeutete:

  • Sie hatte die vorgeschriebene Ausbildung und Prüfung erfolgreich absolviert
  • Sie war offiziell für den Bezirk Oberbexbach und dessen Umgebung zuständig
  • Sie besaß die rechtliche Befugnis, als einzige Hebamme in ihrem Zuständigkeitsbereich zu praktizieren

Das Hebammenwesen im frühen 19. Jahrhundert

Zu Salomeas Zeit lag die Geburtshilfe in Deutschland noch weitgehend in den Händen der Hebammen. Ärzte und Chirurgen waren aus Gründen der Scham im Normalfall von Geburten ausgeschlossen und wurden nur in Notfällen gerufen. Die Hebammenausbildung war relativ kurz – meist nur wenige Monate – und endete mit einer Prüfung vor männlichen Prüfern.

Aufgaben und Verantwortlichkeiten

Als gesetzliche Hebamme hatte Salomea Ecker vielfältige Aufgaben:

  • Betreuung von Schwangeren vor, während und nach der Geburt
  • Geburtshilfe leisten und Neugeborene versorgen
  • Meldung aller Geburten und Fehlgeburten an die Kirche
  • Allgemeine Gesundheitsberatung für Frauen in ihrer Gemeinde

Staat und Kirche nutzten die Hebammen zur Kontrolle über das Geburtsgeschehen, weshalb sie verpflichtet waren, alle Geburten und Fehlgeburten zu melden.

Gesellschaftliche Stellung

Salomea Ecker hatte als gesetzliche Hebamme eine wichtige und zentrale Rolle in der Gesundheitsversorgung ihrer Gemeinde. Der Beruf war gesellschaftlich anerkannt und für die Gemeinschaft unverzichtbar. Die Tatsache, dass sie auf offiziellen Geburtsurkunden als „Hebamme“ verzeichnet ist, unterstreicht ihren professionellen Status und ihre Bedeutung für die lokale Gemeinschaft.

Historische Einordnung

Salomea Eckers Tätigkeit als Hebamme fiel in eine Zeit des Wandels im Gesundheitswesen. Die zunehmende staatliche Regulierung des Hebammenwesens im frühen 19. Jahrhundert führte zur Unterscheidung zwischen „gesetzlichen“ und privaten Hebammen. Als gesetzliche Hebamme von Oberbexbach war sie Teil dieser neuen, professionalisierten Struktur der Gesundheitsversorgung.

Quellen: Geburtsurkunde aus Höchen/Waldmohr sowie historische Recherchen zum Hebammenwesen im 19. Jahrhundert

Die Berichtigung eines amtlichen Fehlers (1868)

Johann Gregor Egener, der Großvater meines Urgroßvaters

Die Berichtigung eines amtlichen Fehlers (1868)

Im September 1868 mussten sich die Egener-Corbans mit einem bürokratischen Problem auseinandersetzen, das die Identität der Familie betraf. Ein bedeutendes Dokument aus unserer Familiengeschichte gibt Einblick in diesen Vorfall: Ein Urteil des Königlichen Landgerichts zu Aachen vom 14. September 1868.

Der Fehler

Als Heinrich Egener am 30. Mai 1854 in Burtscheid geboren wurde, passierte bei der Registrierung ein folgenschwerer Fehler. Statt seine Mutter korrekt als „Magdalena Corban“ einzutragen, verzeichnete der Standesbeamte sie fälschlicherweise als „Helena Thimmes“. Dieser Irrtum hätte für Heinrich später zu rechtlichen Problemen führen können – etwa bei Erbschaftsfragen, Besitzansprüchen oder anderen amtlichen Angelegenheiten.

Die Betroffenen

– Johann Gregor Egener: Unser Vorfahre, von Beruf Tuchscherer (ein spezialisierter Textilhandwerker, der Tuche glättete und schor)

– Magdalena Corban: Seine Ehefrau, deren Identität in der Geburtsurkunde falsch eingetragen wurde

– Heinrich Egener: Ihr gemeinsamer Sohn, geboren am 30. Mai 1854

Interessanterweise enthält das Dokument weitere wertvolle Informationen über die Familie:

– Johann Egener und Magdalena heirateten am 7. Juli 1838

– Magdalena selbst wurde am 19. April 1815 als uneheliche Tochter von Johann Corban und Maria Anna Phimus geboren

– Sie wurde durch die nachfolgende Heirat ihrer Eltern am 8. Juni 1816 legitimiert

Die Korrektur

Die Familie musste ein förmliches Gerichtsverfahren anstrengen, um den Fehler zu korrigieren. Da sie offenbar nicht wohlhabend war, wurde ihnen das „Armenrecht“ gewährt – sie konnten also kostenlos einen Rechtsbeistand (Justizrat Koenen) in Anspruch nehmen.

Das Gericht stellte fest, dass bei der Eintragung vermutlich der Familienname der Großmutter mütterlicherseits (Phimus/Thimmes) versehentlich verwendet wurde, statt des richtigen Namens der Mutter. Nach Prüfung der vorgelegten Dokumente ordnete das Landgericht die Korrektur der Geburtsurkunde an.

Was uns dieses Dokument lehrt

Dieses Gerichtsurteil zeigt uns nicht nur die Namen unserer Vorfahren, sondern gibt auch Einblicke in ihr Leben:

1. Die Familie war vermutlich nicht wohlhabend (Armenrecht)

2. Sie waren aber gebildet genug, um einen bürokratischen Fehler zu erkennen und den Rechtsweg zu beschreiten

3. Trotz der unehelichen Geburt von Magdalena wurde Wert auf die korrekte amtliche Dokumentation gelegt

4. Das Berufsfeld unserer Vorfahren (Tuchscherer) weist auf eine Verbindung zur Textilindustrie hin, die im Aachener Raum bedeutend war

Der Fehler, der 1854 gemacht wurde, zeigt auch, wie wichtig die genaue Überprüfung von Dokumenten in der Familienforschung ist. Namen wurden oft unterschiedlich geschrieben oder verwechselt, was die Nachverfolgung von Familienlinien erschweren kann.

Diese kleine Episode aus dem Leben unserer Vorfahren lässt uns erahnen, welche Bedeutung die korrekte Identität und amtliche Dokumentation für sie hatte – selbst wenn es dafür eines königlichen Gerichtsurteils bedurfte.

Johannes Mathias Egener 1783 –

Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Johannes Mathias Egener

Johannes Mathias Egener

Zur Zeit als Friedrich der Große Preußen regierte, wurde am 17. Januar 1783 in dem kleinen Eifeldorf Rott mein Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Johannes Mathias Egener als Sohn des Schneiders Georg Peter E. und der Anna Catharina Born getauft. Er wurde in der dortigen kath. Kirche von dem Pfarrer Joh. Evangelist Schreiber getauft. Gelebt haben sie vermutlich in Mulartshütte.

Aus seiner Jugend weiß ich nichts zu berichten. Eine Schule hat er wie die meisten seiner Landsleute nicht besucht; die Schulpflicht wurde erst später eingeführt.

1792 wird noch seine Schwester Magdalena in Rott getauft. Gegen Ende des Jahrhunderts zieht die Familie nach Burtscheid, wahrscheinlich wegen der Arbeitsmöglichkeiten.

Dieser Umzug fiel zusammen mit der Machtübernahme durch die Franzosen. Es wurde vieles anders. Auch für Johannes Mathias Egener., der nun in Burtscheid wohnte und als Weber arbeitete.

Da war zum einen die Sprache. In Burtscheid ging Johannes Mathias nicht über den Bürgersteig, sondern übers Trottoir. Und bei Regen spannte man den Parapluie und nicht den Regenschirm auf. Ganz kompliziert war es mit der Zeitrechnung. Der bis dahin maßgebende gregorianische Kalender galt nicht mehr; die Franzosen führten den sogenannten Revolutionskalender ein. Dieser Kalender begann am 29.09.1792. Alle kirchlichen Feiertage waren abgeschafft. Die Woche hatte jetzt 10 Tage, die Stunde 100 Minuten und die Minute 100 Sekunden.

Johannes Mathias hat das wohl nie ganz verstanden. Für einen Arbeiter wie ihn war das auch nicht so wichtig. Frühling, Sommer, Herbst und Winter kamen sowieso; und an den Sonn- und Feiertagen ging man, obwohl die Franzosen es nicht so gerne sahen, nach wie vor in die Kirche.

Am 1.November 1807 erscheinen Jean Mathias Egener, so heißt er jetzt auf Französisch, und Anne Gertrude Pontz vor dem Adjoint et Officier de l’état civil de la commune de Borcette – heute würden wir sagen: vor dem Standesbeamten der Gemeinde Burtscheid – , um das Aufgebot zu bestellen.

Am 30.12. des gleichen Jahres werden sie von dem selben Beamten Hammer getraut. Monsieur und Madame Egener bekamen auch eine acte de mariage, eine Heiratsurkunde also, denn seit der Franzosenzeit werden Trauungen, Geburten und Sterbefälle auf dem Standesamt registriert und beurkundet. Gertrud ist die einzige, welche die Urkunde selbst unterschreiben kann

Der Vater, der jetzt George Pierre heißt, ist am 17.12., also kurz vor der Hochzeit verstorben.

Am 20.5.1808 bekommt die junge Familie ihr erstes Kind; es stirbt jedoch noch am gleichen Tag.

Ein Jahr später wird wieder ein Junge geboren, der den gleichen Namen wie der erste bekommt: Pierre Joseph.

Im Jahre 1812 klopfen Beamte der franz. Regierung an die Tür und führen eine Volkszählung durch. Die Familie wohnt St. Johann Nr. 63. Man hat Burtscheid in die Bezirke St. Michael und St. Johann eingeteilt und die Häuser durchnummeriert. Nr. 63 ist also das Haus in welchem folgende Personen leben:

Ehemann: Eygener, Jean Mathias (29) (man sieht wie leicht es zu einer falschen Schreibweise des Namens kommen kann, die dann manchmal beibehalten wurde)

Stand: Drapier

Ehefrau: Pons, Gertrude (23)

Kinder: Joseph (3), François (5M)

Sonst. Verwandte im Hause: Schwiegermutter Pons, Anne Catherine

Als 6. und letztes Kind wird am 5.8.1814 mein Ur-Ur-Ur-Großvater Grégoire Jean geboren.

Weitere Daten aus seinem Leben sind mir noch unbekannt.

Ernst Egener

Die Webertradition in Burtscheid und Aachen

Die Webertradition in Burtscheid und AachenLebens- und Arbeitswelt unserer Vorfahren

Einleitung: Eine prägende Wirtschaftstradition

Über drei Jahrhunderte hinweg dominierte die Wolltuchherstellung das Wirtschaftsleben in unserer Region wie kaum eine andere Branche. Tausende von Menschen – darunter auch unsere Vorfahren aus den Familien Egener und Dautzenberg – arbeiteten bereits seit dem 18. Jahrhundert für die global agierenden Tuchverleger. Die Wolltuche aus Aachen, Burtscheid, Monschau, Verviers, Euskirchen, Eupen oder Vaals erlangten weltweite Bekanntheit. Armeen aus aller Welt kämpften in Uniformtuchen aus dieser Region. Dies ist die Geschichte einer bedeutenden Branche, die das Leben unserer Vorfahren maßgeblich prägte.

Die Anfänge: Häusliche Textilproduktion als Überlebensgrundlage

Schon seit jeher produzierte die ländliche Bevölkerung der Region in häuslicher Arbeit aus Flachs und Wolle fast die gesamte Kleidung und die Textilien für den Alltagsbedarf. Der Werktagsanzug bestand in der Eifel aus handgesponnener, gewalkter, schwerer, aber nahezu regendichter Wolle. Eine besondere regionale Spezialität war Tirtey, ein einfacher Stoff aus Leinen und Wolle für Röcke, Hosen und Kleider. Sogar Unterröcke wurden aus Wolle hergestellt.

Für die häusliche Textilherstellung wurden die Rohstoffe verwendet, die in der ländlichen Umgebung zur Verfügung standen: Flachs und – vor allem in der Eifel – die Wolle aus der lokalen Schafhaltung. Der Webstuhl stand im Winter im Haus oder der Tenne und wurde im Sommer auseinandergebaut und auf dem Speicher gelagert. Fast jede Familie in unserer Region konnte weben und spinnen – eine Fertigkeit, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde und zweifellos auch in unseren Familien gepflegt wurde.

Das Zunftwesen: Qualität und Beschränkung

Neben der häuslichen Produktion entwickelte sich eine hauptberufliche Herstellung von groben Wolltüchern für überregionale Märkte aus heimischer Wolle. Diese Produktion unterlag den strengen Regeln der örtlichen Handwerkszünfte. Die Zünfte sorgten für einen gewissen Qualitätsstandard, beschränkten aber auch die Zahl der Webstühle und des Personals, um für alle Meister ein Auskommen zu sichern.

Diese handwerkliche Produktion gewann vor allem in Aachen und Münstereifel große regionale Bedeutung. Die Markenware „Aachener Tuch“ war weithin bekannt und wurde in ganz Europa vertrieben. Die Münstereifeler Weber verkauften ihre Ware auf dem eigenen Markt, aber auch in Köln. Die Monschauer Grobtuche wurden durch Hausierer in der Umgegend angeboten und verkauft.

Der entscheidende Wandel: Burtscheid als Zentrum der Innovation

Als 1698 in Aachen die Forderung aufkam, entgegen den engen Zunftbestimmungen größere Betriebe zuzulassen, protestierten die Scherer mit der Befürchtung, dass in diesem Falle bald „wenige die ganze Arbeit und alle Knechte an sich zögen“. Diese Befürchtung erwies sich als berechtigt – aber nicht in Aachen selbst.

Dort blieb man bei den alten Bestimmungen, was viele aufstrebende Tuchfabrikanten im 18. Jahrhundert verprellte und dazu bewog, ihre Firmensitze in Nachbarorte ohne Zunftzwang zu verlegen. Burtscheid wurde zu einem dieser bevorzugten Standorte, gemeinsam mit Monschau, Imgenbroich, Stolberg, Eupen, Vaals und Verviers. Gänzlich unbeschränkt konnte sich dort die Feintuchproduktion für größere Märkte entwickeln, die den Aachener Handwerkern bald schwer zu schaffen machte.

Das Verlagssystem: Eine neue Arbeitswelt entsteht

Als die Feintuchhersteller begannen, besonders feine Wolle aus Spanien zu importieren und diese zu fast seidenartigen Tuchen zu verarbeiten, entwickelte sich eine neue Wirtschaftsstruktur, die bald die ganze Region prägen sollte. Die Tuchverleger beschafften die Wolle, gaben aber die Arbeit des Spinnens und Webens an Heimarbeiter in der Eifel und im Limburger Land ab.

Für die arme Landbevölkerung in der Eifel und im Limburger Land war dies ein Segen, da sie im Winter, in dem es sonst kaum etwas zu verdienen gab, sich mit der geldbringenden Tuchherstellung beschäftigen konnte. Statt Flachs oder grober Eifelwolle hatten die Weber jetzt feine spanische Merinowolle nach genauen Angaben der Verleger zu verarbeiten.

Arbeits- und Lebensbedingungen der Weberfamilien

Die Arbeitsbedingungen in den kleinen Bauernstuben waren alles andere als ideal. Die großen Webstühle, die bis an die niedrige Decke reichten, beanspruchten mit einem Raumbedarf von bis zu vier Quadratmetern mehr Platz als das Ehebett und benötigten zudem den besten Platz am Fenster für ausreichend Licht.

Die Arbeitsteilung in den Weberfamilien war klar geregelt: Häufig webte der Mann, die Frauen sponnen und richteten die Kette ein, und die Kinder spulten. Diese Familienarbeit war existenziell wichtig, denn nur durch die Mitarbeit aller Familienmitglieder konnte ein ausreichendes Einkommen erzielt werden.

Die Veredelung: Kunst und Wissenschaft des Tuchfinishs

Das gewebte Tuch kam anschließend zurück zum Verleger, der die Ware prüfte, im Stück bezahlte, eventuelle Fehler ausbessern ließ und die enorm wichtige Appretur unter seiner Aufsicht durchführen ließ. Die Appretur – die Schlussbehandlung des Tuches – entschied über Feinheit, Griff und Erscheinungsbild des fertigen Produkts.

Zur Appretur gehörten das Walken in speziellen Walkmühlen, das Pressen, Aufrauhen und anschließende Scheren des Tuches. Vor allem das gefühlvolle Scheren mit riesigen, schweren Scheren spielte eine zentrale Rolle. Einige Tuchmacher beschäftigten allein 50 bis 100 Scherer, die als hochqualifizierte Fachkräfte zum Teil von weither angeworben wurden und in Monschau und Eupen eine eigene soziale Gruppe selbstbewusster Lohnarbeiter bildeten.

Burtscheid im Zentrum der Textilwirtschaft

Burtscheid entwickelte sich zu einem der wichtigsten Zentren dieser Tuchmanufaktur, gemeinsam mit Vaals, Eupen und Monschau. Die Eupener Tuchmacher konnten mit ihren Produkten in ganz Europa, Russland, in der Levante und in Ostindien Erfolge feiern und beschäftigten im Jahr 1764 bereits 5.070 Arbeiter und um 1812 sogar 6.000 Arbeiter.

Johann Heinrich Scheibler aus Monschau wies Anfang der 1760er Jahre selbstbewusst darauf hin, dass „alleinig von meiner Farbrique beständig mehr als 4000 Menschen“ ernährt werden. Er ergänzte nicht ganz unbescheiden: „Wahrlich ein erwünschtes Etablissement in einem Lande, wie das kalt und unfruchtbare Monjoy, wo von dem garnicht beträchtlichen Ackerbau die wenigsten Menschen sich ernähren können und wo in Vorzeiten so starker Geldmangel war, als jetzo davon Überfluss darinnen zu finden ist, auch jedweder Mensch, welcher ohne die Fabriquen den Bettelgang pflegen müsste, ja schon fünf- und sechsjährige Kinder von der allerlei Fabriquearbeiten sich wohl zu ernähren vermögen.“

Innovation und Weltmarkt: Die Erfolgsgeschichte der regionalen Tuchmacher

Die Tuchmacher rund um Aachen und Burtscheid entwickelten neue Muster und Techniken, um neue, überregionale Märkte zu erobern, und hatten damit großen Erfolg. Johann Heinrich Scheibler begann beispielsweise, die Wolle bereits vor der weiteren Verarbeitung zu färben und sie anschließend zu verschiedenartig gemusterten Stoffen mit leuchtenden, fast grellen Farben verarbeiten zu lassen, die sogar dem Geschmack anspruchsvoller Haremsdamen genügen konnten.

Bei der Färbung, die eine zentrale Rolle spielte, kam den Produzenten das sehr kalkarme Wasser der Rur entgegen, das wunderbar strahlende Farben ermöglichte. So entwickelte sich in unserer Region auf der Basis reiner Handarbeit, der Manufaktur und der Heimarbeit eine – was Rohstoffe und Absatzmärkte betraf – wahrhaft global agierende Branche.

Soziale Struktur und Arbeitsorganisation

Die Textilproduktion in Burtscheid und Aachen war stark hierarchisch organisiert. An der Spitze standen die Tuchverleger und Fabrikanten, die das Kapital bereitstellten und die Märkte erschlossen. Darunter befanden sich die verschiedenen Fachkräfte: Weber, Spinner, Färber, Walkmüller und Scherer. Am unteren Ende der sozialen Leiter standen die Heimarbeiter in den ländlichen Gebieten.

Frauen spielten eine wichtige Rolle in der Textilproduktion. Sie arbeiteten als Spinnerinnen, Zwirnerinnen, Kettenschererinnen und Stöpferinnen. Letztere reparierten Webfehler – eine Tätigkeit, die großes Geschick und Erfahrung erforderte. Auch Kinder wurden schon früh in die Arbeitsprozesse einbezogen, zunächst mit einfachen Tätigkeiten wie dem Spulen.

Das Erbe: Architektonische Zeugnisse des Wohlstands

Die herausragenden, repräsentativen, fast schlossartig anmutenden Firmenzentralen in Monschau, Eupen, Vaals und auch die prächtigen Tuchmacherhäuser in Burtscheid künden bis heute von der außergewöhnlichen wirtschaftlichen Bedeutung der vorindustriellen Tuchherstellung und dem Wohlstand der Tuchfabrikanten.

Es ist bemerkenswert, dass einige dieser Gebäude heute wieder repräsentativen Charakter haben – etwa als Sitz der Regierung der deutsch-belgischen Gemeinschaft in Eupen oder als Rathaus in Vaals. In Burtscheid selbst zeugen noch heute verschiedene historische Gebäude von der einstigen Blüte der Textilindustrie.

Bedeutung für die Familiengeschichte

Für die Familien Egener und Dautzenberg bedeutete die Arbeit in der Textilindustrie mehr als nur Broterwerb. Sie war Teil einer jahrhundertealten Tradition, die technisches Können, Geschicklichkeit und Ausdauer erforderte. Die Weber und ihre Familien waren Träger einer Kultur, die sowohl handwerkliche Fertigkeiten als auch kaufmännisches Denken vereinte.

Die Textilindustrie prägte nicht nur die Wirtschaftsstruktur der Region, sondern auch das soziale und kulturelle Leben. Die Arbeit in den Weberstuben, die saisonalen Rhythmen der Produktion und die enge Verbindung zwischen Stadt und Land durch das Verlagssystem schufen ein charakteristisches Lebensmuster, das Generationen von Familien bestimmte.

Epilog: Das Ende einer Ära

Mit der fortschreitenden Industrialisierung und der Mechanisierung der Textilproduktion im 19. Jahrhundert veränderte sich diese Arbeitswelt grundlegend. Viele der traditionellen Weberfamilien mussten sich neue Betätigungsfelder suchen oder in die entstehenden Fabriken wechseln. Dennoch blieb die über Jahrhunderte erworbene handwerkliche Tradition und das Verständnis für Qualität ein wertvolles Erbe, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Die Geschichte der Webertradition in Burtscheid und Aachen ist somit nicht nur ein Kapitel der Wirtschaftsgeschichte, sondern ein wesentlicher Teil der Identität unserer Familien und der Region. Sie erinnert uns daran, dass unsere Vorfahren aktive Gestalter einer internationalen Wirtschaftstradition waren, die weit über die Grenzen der Heimat hinausreichte.

Meine Eltern haben sich noch in der Tuchfabrik Rummeny in Haaren kennengelernt.

Benedict Egner 1680 –

Benedict Egner


7fach Urgroßvater

Fakten:

Eltern: Martin Egner 1636 – 1696 und Elisabeth

Beruf: Chirurg

Benedict Egners Leben als Chirurg in Beratzhausen

Berufliches Leben: Als Chirurg war Benedict in einer Zeit tätig, in der die Chirurgie noch stark handwerklich geprägt war. Er führte vermutlich einfache Operationen durch, behandelte Wunden, führte Aderlässe durch und kümmerte sich um Knochenbrüche. In einem Marktort wie Beratzhausen war er wahrscheinlich einer der wenigen medizinischen Versorger für die gesamte Umgebung. Seine Dienste waren besonders an Markttagen gefragt, wenn Handwerker und Bauern aus der Umgebung zusammenkamen.

Familiärer Hintergrund: Benedict stammte aus einer etablierten Handwerkerfamilie – sein verstorbener Vater Martin war sowohl Maurer als auch Bierbrauer gewesen, was auf einen gewissen Wohlstand hindeutet. Das Brauereigeschäft war besonders einträglich, da Bier ein Grundnahrungsmittel war. Seine Mutter Elisabeth lebte noch und hatte wahrscheinlich Einfluss auf die Partnerwahl ihres Sohnes.

Die Eheschließung: Die Heirat mit Anna Barbara Funck im Januar 1708 war eine durchaus standesgemäße Verbindung – beide stammten aus angesehenen Handwerkerfamilien. Die Verlobung im Dezember 1707 und die Hochzeit im Januar zeigen die üblichen winterlichen Heiratstermine, wenn die landwirtschaftlichen Arbeiten ruhten. Die Zeugen – ein Ratsbürger und Bäcker sowie der Schulmeister – unterstreichen Benedicts gesellschaftlichen Stand.

Alltag in Beratzhausen: Benedict lebte in einem lebendigen Marktort an wichtigen Handelsrouten. Sein Tag begann früh, oft mit Hausbesuchen bei Kranken in der Stadt und den umliegenden Dörfern. An Markttagen war seine Praxis besonders gefragt – Unfälle mit Karren und Pferden, Schlägereien oder arbeitsbedingte Verletzungen der Handwerker sorgten für regelmäßige Patienten.

Gesellschaftliche Stellung: Als Chirurg genoss er Respekt, stand aber in der medizinischen Hierarchie unter den studierten Ärzten. Dennoch war er ein wichtiger Mann im Ort – seine Fähigkeiten konnten über Leben und Tod entscheiden. Wahrscheinlich war er Mitglied der örtlichen Zunft und nahm am gesellschaftlichen Leben der Stadt teil.

Das Leben war geprägt von den Jahreszyklen, religiösen Festen und der ständigen Herausforderung, in einer Zeit ohne moderne Medizin Menschen zu heilen – ein respektables, aber auch verantwortungsvolles Leben in einer kleinen, aber bedeutsamen oberpfälzischen Marktgemeinde.

Martinus Neulen 1712 – 1772 – Schuld oder Unschuld? Eine historische Analyse

1. Einleitung: Martinus Neulen – Mein Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater  im Zwielicht der Geschichte

Die Geschichte des Martinus Neulen (1712-1772), eines direkten Vorfahren, wirft ein faszinierendes, aber auch zutiefst widersprüchliches Licht auf das 18. Jahrhundert. Als Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater des Anfragenden verbindet sein Schicksal eine persönliche Familiengeschichte mit den komplexen Realitäten einer vergangenen Epoche. Im Zentrum dieser Untersuchung steht die Frage nach seiner „Schuld oder Unschuld“, eine Dichotomie, die durch die historischen Aufzeichnungen selbst aufgeworfen wird: Wie konnte ein Mann, der ein hohes öffentliches Amt bekleidete und mit der Rechtsprechung betraut war, gleichzeitig Teil einer berüchtigten kriminellen Vereinigung sein?1

Die Beantwortung dieser zentralen Frage erfordert mehr als eine bloße Aufzählung von Fakten. Sie verlangt eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem sozio-legalen Kontext des 18. Jahrhunderts, insbesondere den Justizpraktiken und der Art der Beweiserhebung während der sogenannten Bockreiterprozesse.1 Die persönliche Verbindung zu Martinus Neulen verleiht dieser historischen Untersuchung eine besondere Dimension. Es geht nicht nur darum, eine historische Figur zu beleuchten, sondern auch darum, ein umfassendes Verständnis für einen komplexen Vorfahren zu entwickeln, dessen Leben im „Zwielicht der Geschichte“ steht. Dies bedeutet, dass eine einfache moralische Verurteilung oder Freisprechung kaum möglich sein wird, sondern vielmehr eine nuancierte Interpretation der damaligen Gegebenheiten erforderlich ist, um sein Schicksal und die damit verbundenen Anschuldigungen zu begreifen.

2. Das öffentliche Leben: Schöffe der Herrlichkeit Rimburg

Martinus Neulen wurde am 18. September 1712 in Hofstatt, Herzogenrath, geboren und am folgenden Tag, dem 19. September 1712, in Merkstein katholisch getauft. Seine Eltern waren Joes Neulen (1677-1754) und Maria Dauven (-1732).1 Er lebte im Weiler Finckenrath bei Herzogenrath, innerhalb der damaligen Herrlichkeit Rimburg.1 Im Laufe seines Lebens heiratete er am 28. Januar 1744 Anne Marie Königs in Merkstein, mit der er einen Sohn, Johannes Martinus Neulen (geb. 1758), hatte.1

Aus diesen eher bescheidenen Anfängen stieg Martinus Neulen zu einer Person von gesellschaftlichem Ansehen auf. Er wurde zum Schöffen der Herrlichkeit Rimburg ernannt.1 Als Schöffe bekleidete er ein Amt von erheblicher juristischer Vollmacht. Zusammen mit dem Schultheißen bildete er das Gericht und war befugt, „über Leib und Leben der Bürger [zu] urteilen“, wobei Todesurteile allerdings der Bestätigung durch den Hochdrossard bedurften.1 Die Tatsache, dass Martinus Neulen, der aus einem spezifischen Weiler stammte, eine so mächtige offizielle Rolle in derselben Herrlichkeit erlangte, deutet auf einen bemerkenswerten sozialen Aufstieg und ein hohes Maß an Vertrauen innerhalb seiner lokalen Gemeinschaft hin. Er wurde als eine Säule des Rechtssystems wahrgenommen, was seine angeblichen späteren kriminellen Aktivitäten umso widersprüchlicher erscheinen lässt und eine tiefe gesellschaftliche Diskrepanz offenbart, die für die Frage nach seiner Schuld oder Unschuld von zentraler Bedeutung ist.

Die folgende Zeittafel fasst die wichtigsten Lebensdaten von Martinus Neulen zusammen:

Zeittafel Martinus Neulen (Auszug)

DatumEreignisOrtAlter
18. September 1712GeburtHofstatt – Herzogenrath0
19. September 1712TaufeMerkstein – Herzogenrath0
6. Juni 1732Tod seiner Mutter Maria DauvenHofstatt – Herzogenrath19
28. Januar 1744Eheschließung mit KÖNIGS Anne MarieMerkstein – Herzogenrath31
10. Juni 1754Tod seines Vaters Joes NeulenMerkstein41
3. April 1758Geburt seines Sohnes NEULEN Johannes MartinusMerkstein – Herzogenrath45
Frühjahr 1772Verhaftung und InhaftierungBurg Rimburg59
13. April 1772Unterziehung der „schärferen Prüfung“ (Folter)Burg Rimburg59
14. April 1772Tod durch Suizid im GefängnisMerkstein-Rimburg59
16. April 1772Posthume Bestrafung des LeichnamsRimburg

3. Das verborgene Leben: Anschuldigungen und die Bockreiterbande

Hinter der Fassade des angesehenen Amtsträgers und Richters verbarg Martinus Neulen ein angeblich zweites, kriminelles Leben. Die vorliegenden Dokumente legen nahe, dass er bereits in der ersten Bockreiterbande aktiv war, die zwischen 1726 und 1745 in der Region zwischen Maas und Rhein ihr Unwesen trieb.1 Einer Verhaftung konnte er damals durch Flucht entgehen.1

Bemerkenswerterweise stieg er nach dieser frühen Erfahrung nicht nur in der zweiten Bockreiterbande (1762-1774) unter der Führung von Joseph Kirchhoffs auf, sondern bekleidete dort sogar die Position eines „Feldwebels“ oder Sergeant-Majors.1 Dies stellte eine Führungsposition innerhalb der kriminellen Hierarchie dar.1 Die Widersprüchlichkeit zwischen seiner öffentlichen Rolle als Schöffe, einem Hüter des Gesetzes, und seiner angeblichen Führungsposition in einer kriminellen Organisation ist frappierend und bildet den Kern der Frage nach seiner Schuld oder Unschuld.1

Die mutmaßliche Beteiligung Neulens an zwei unterschiedlichen Phasen der Bockreiteraktivitäten, die durch eine Zeit der Flucht getrennt waren, deutet auf ein tiefer verwurzeltes, möglicherweise habitualisiertes, kriminelles Muster hin, das über einen einmaligen Vorfall hinausgeht. Sein Aufstieg zum „Feldwebel“ in der zweiten Bande impliziert nicht nur eine einfache Mitgliedschaft, sondern ein erhebliches Engagement und eine führende Rolle. Diese langjährige, hochrangige angebliche Beteiligung, insbesondere nach einer früheren Beinahe-Verhaftung, verschärft den Kontrast zu seiner öffentlichen Rolle als Rechtspfleger erheblich. Sollten diese Anschuldigungen zutreffen, würde dies auf eine tiefgreifende Doppellebigkeit hindeuten; sollte er unter Zwang gehandelt haben, würde dies den immensen Druck des damaligen Rechtssystems verdeutlichen.

4. Verhaftung, „Schärfere Prüfung“ und Geständnis

Im Frühjahr 1772 endete Martinus Neulens Doppelleben abrupt mit seiner Verhaftung und Inhaftierung auf Burg Rimburg.1 Prozessdokumente aus dieser Zeit beschreiben ihn als einen „mittelmäßig kleinen Mann, Träger einer Perücke“, der „überall in die Häuser ging und Feldwebel in der Kompanie der Gauner war“.1

Der entscheidende Wendepunkt in seiner Inhaftierung ereignete sich am 13. April 1772, als Martinus Neulen der „schärferen Prüfung“ – der Folter – unterzogen wurde.1 Unter dieser extremen physischen und psychischen Nötigung „gestand er seine Mitgliedschaft in der Bande und die Beteiligung an Diebstählen sowie anderen Verbrechen“.1

Die Tatsache, dass Neulen sein Geständnis unter Folter ablegte, ist von fundamentaler Bedeutung für die Beurteilung seiner Schuld oder Unschuld. Im Rechtssystem des 18. Jahrhunderts galt ein Geständnis, oft als „Königin der Beweise“ bezeichnet, als höchste Form des Beweises. Die damalige Praxis sah vor, Folter einzusetzen, um eben solche Geständnisse zu erzwingen. Aus moderner historischer und rechtlicher Perspektive sind jedoch unter Zwang erlangte Geständnisse grundsätzlich als unzuverlässig anzusehen. Individuen waren in solchen Situationen oft bereit, alles zu gestehen, um die Schmerzen zu beenden, unabhängig davon, ob sie die Taten tatsächlich begangen hatten. Dies verändert die Interpretation seines Geständnisses grundlegend: Es wird von einem direkten Beweis seiner Schuld zu einem kritischen Beleg für die Natur des damaligen Justizprozesses selbst. Es verdeutlicht die systemischen Mängel, die zu Fehlurteilen führen konnten, unabhängig von der tatsächlichen Schuld des Angeklagten.

5. Das tragische Ende: Suizid und posthume Entehrung

Einen Tag nach seiner Folter, am 14. April 1772, im Alter von 59 Jahren, wurde Martinus Neulen tot in seiner Zelle auf Burg Rimburg aufgefunden.1 Er hatte sich mit einem selbstgefertigten Seil aus Stroh und Heu erhängt.1 Seine Motivation war klar: „Um der zu erwartenden grausamen Strafe zu entgehen“, nahm er sein Schicksal selbst in die Hand.1

Doch selbst der Tod bot keine Erlösung vor der Härte des damaligen Rechtssystems. Gemäß den Gesetzen jener Zeit wurde auch der tote Körper Neulens bestraft.1 Am 16. April 1772 wurde seine Leiche zur Abschreckung durch die Straßen von Rimburg geschleift und anschließend an einem Bein am Galgen aufgehängt.1 Dies war eine zutiefst „entehrende Strafe“, die darauf abzielte, das Andenken des Verurteilten zusätzlich zu beschmutzen und als öffentliche Warnung zu dienen, selbst über den Tod hinaus.1 Der zeitgenössische Chronist Sleinada notierte dazu knapp: „hatte sich im Gefängnis mit Heu erwürgt, und deshalb wurde er herausgeschleppt und an einem Bein aufgehängt“.1

Martinus Neulens Suizid, insbesondere die Verwendung eines improvisierten Seils aus Stroh und Heu, ist ein verzweifelter Akt der Selbstbestimmung, um weiterem Leid und der unausweichlichen „grausamen Strafe“ zu entgehen. Dies offenbart eine bewusste Entscheidung, seinen eigenen Tod der langwierigen Qual und dem öffentlichen Spektakel einer Hinrichtung vorzuziehen. Die nachfolgende posthume Bestrafung – das Schleifen und Aufhängen seiner Leiche – war nicht nur eine Bestrafung des Körpers, sondern ein tiefgreifender Akt sozialer Degradierung. Sie war darauf ausgelegt, seine Ehre zu zerstören und als furchteinflößendes öffentliches Abschreckungsmittel zu dienen, selbst nach seinem Ableben. Dies beleuchtet die extreme punitive Natur des Justizsystems des 18. Jahrhunderts, das nicht nur den lebenden Kriminellen, sondern auch dessen Andenken und dessen Nachkommen zu bestrafen suchte, was den Ruf der Familie über Generationen hinweg beeinträchtigen konnte.

6. Historische Einordnung: Die Bockreiterprozesse und die Justiz des 18. Jahrhunderts

Die Geschichte des Martinus Neulen ist untrennbar mit dem Phänomen der Bockreiter verbunden, einer Reihe von kriminellen Banden, die im 18. Jahrhundert zwischen Maas und Rhein aktiv waren.1 Die Zeit der Bockreiterprozesse, die bis 1780 andauerten, war geprägt von „harten Verhörmethoden und summarischen Urteilen“.1 Die schiere Anzahl der Hinrichtungen ist erschreckend: Bis 1780 wurden insgesamt 326 Männer und Frauen im Zusammenhang mit den Bockreitern hingerichtet.1

Ein kritisches Problem dieser Prozesse war die Art der Beweisführung. Es besteht die erhebliche Möglichkeit, dass Anschuldigungen gegen Neulen, wie auch gegen viele andere, aus Geständnissen resultierten, die andere Angeklagte unter Folter abgaben.1 Ein prominentes Beispiel hierfür ist der angeblich Anführer Joseph Kirchhoffs, der trotz Beteuerung seiner Unschuld am 11. Mai 1772 hingerichtet wurde.1 Dies unterstreicht die Unzuverlässigkeit der unter Zwang erlangten Geständnisse und die Härte der damaligen Urteile. Die „historische Wahrheit über die Bockreiter liegt oft im Dunkeln und wird von Legendenbildung überlagert“.1

Die hohe Zahl der Hinrichtungen (326 Personen bis 1780) in den Bockreiterprozessen, kombiniert mit dem weit verbreiteten Einsatz von Folter und der Möglichkeit, dass Anschuldigungen aus erzwungenen Geständnissen Dritter resultierten (wie das Beispiel Kirchhoffs nahelegt), weist auf eine systemische Justizkrise hin, die über individuelle kriminelle Handlungen hinausgeht. Dieser Kontext ist entscheidend für das Verständnis von Neulens Fall: Seine „Schuld“ könnte eher ein Produkt einer brutalen, auf Effizienz ausgerichteten Rechtsmaschine gewesen sein, die verzweifelt versuchte, wahrgenommene Bedrohungen zu unterdrücken, als das Ergebnis unwiderlegbarer Beweise für seine tatsächlichen Taten. Die explizite Feststellung, dass die „historische Wahrheit oft im Dunkeln liegt und von Legendenbildung überlagert wird“, bedeutet, dass die offizielle Darstellung der damaligen Zeit möglicherweise nicht die objektive Realität widerspiegelt, was eine grundlegende erkenntnistheoretische Herausforderung für die Bestimmung von Neulens „Schuld oder Unschuld“ darstellt.

Die folgende Tabelle bietet einen Überblick über die Bockreiterprozesse:

Die Bockreiterprozesse im Überblick

AspektBeschreibung
Zeitraum der BandenaktivitätErste Bande (1726-1745), Zweite Bande (1762-1774) 1
Zeitraum der ProzesseBis 1780 1
Anzahl der Hinrichtungen326 Männer und Frauen 1
VerhörmethodenHarte Verhörmethoden, „schärfere Prüfung“ (Folter) 1
UrteilsfindungSummarische Urteile 1
Problem der BeweisführungMöglichkeit erzwungener Geständnisse (auch von Dritten) 1
Bekannte FälleJoseph Kirchhoffs (hingerichtet trotz Unschuldsbeteuerung) 1

7. Schuld oder Unschuld? Eine kritische Bewertung

Die Frage nach Martinus Neulens Schuld oder Unschuld ist, wie die vorangegangene Analyse zeigt, nicht mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantworten. Die Beweislage, wie sie uns aus den historischen Dokumenten überliefert ist, muss kritisch hinterfragt werden.

Argumente für die Schuld (aus Sicht des 18. Jahrhunderts):

Die damaligen Gerichte sahen seine Schuld als erwiesen an, basierend auf mehreren Punkten: seine angebliche langjährige Beteiligung an beiden Bockreiterbanden, sein Aufstieg zum „Feldwebel“ und, am wichtigsten, sein Geständnis unter Folter.1 Für die Justiz des 18. Jahrhunderts war ein Geständnis, selbst wenn es unter Zwang erfolgte, oft der entscheidende Beweis für die Schuld.

Argumente für Zweifel und Unzuverlässigkeit der Beweise:

Aus heutiger Sicht sind diese „Beweise“ jedoch problematisch. Der zentrale Punkt ist, dass Neulens Geständnis unter der „schärferen Prüfung“, also Folter, erzwungen wurde.1 Moderne Rechtsprinzipien und historische Forschung sind sich einig, dass unter Folter erlangte Aussagen keine verlässlichen Indikatoren für tatsächliche Schuld sind. Menschen gestehen unter solchem Druck oft alles, um die Qualen zu beenden, unabhängig von der Wahrheit. Die psychische und physische Nötigung, die mit der Folter einhergeht, untergräbt die Glaubwürdigkeit jeder daraus resultierenden Aussage vollständig.

Darüber hinaus muss Neulens Fall im Kontext der gesamten Bockreiterprozesse gesehen werden. Die systematische Anwendung harter Verhörmethoden und die hohe Zahl summarischer Urteile und Hinrichtungen (326 Personen) deuten auf ein Justizsystem hin, das eher auf die schnelle Verurteilung und Abschreckung als auf eine sorgfältige Wahrheitsfindung ausgerichtet war.1 Die Möglichkeit, dass Anschuldigungen gegen Neulen auch aus unter Folter erzwungenen Geständnissen

anderer Angeklagter stammten, wie es im Fall von Joseph Kirchhoffs, der trotz Unschuldsbeteuerung hingerichtet wurde, vermutet wird, verstärkt die Zweifel an der Verlässlichkeit der gesamten Beweisführung.1

Das zentrale Paradox von Neulens Leben – Schöffe und angeblicher Krimineller – zwingt zu einer Neubewertung des Begriffs der „Schuld“ in diesem historischen Kontext. Da sein Geständnis unter Folter erlangt wurde und weitere Anschuldigungen möglicherweise aus ähnlich erzwungenen Aussagen stammten, ist es nach modernen Gerechtigkeitsstandards unmöglich, seine faktische Schuld eindeutig festzustellen. Vielmehr muss die Schlussfolgerung gezogen werden, dass seine „Schuld“, wie sie in den historischen Dokumenten festgehalten ist, untrennbar mit den brutalen Justizpraktiken des 18. Jahrhunderts verbunden und möglicherweise sogar durch diese konstruiert wurde. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass er „unschuldig“ war, sondern hebt vielmehr die Unmöglichkeit hervor, seine Schuld unter solchen Umständen zweifelsfrei zu beweisen, wodurch die Frage von einer einfachen binären Entscheidung zu einem komplexen historischen und ethischen Dilemma wird.

8. Fazit: Das Vermächtnis eines widersprüchlichen Lebens

Martinus Neulens Leben war zweifellos von tiefgreifenden Widersprüchen geprägt, gefangen zwischen seiner öffentlichen Pflicht als Schöffe und den schwerwiegenden Anschuldigungen einer kriminellen Aktivität als „Feldwebel“ der Bockreiterbande.1 Die Analyse seines Schicksals verdeutlicht die entscheidende Rolle der Folter bei der Erlangung seines Geständnisses und die systemischen Mängel der Justiz des 18. Jahrhunderts, die durch harte Verhörmethoden und summarische Urteile gekennzeichnet war.1

Während die historischen Aufzeichnungen, basierend auf seinem erzwungenen Geständnis, seine „Schuld“ nahelegen, machen die Umstände seiner Verurteilung eine definitive moralische oder faktische Beurteilung nach heutigen Maßstäben unmöglich. Seine Geschichte ist ein eindringliches Beispiel für die Härte und oft willkürliche Natur der Justiz im Ancien Régime, wo die Wahrheit oft dem Druck des Systems weichen musste.

Für seine Nachfahren ist die Geschichte des Martinus Neulen nicht einfach eine Erzählung von Verurteilung oder Freispruch. Vielmehr ist sie eine Einladung, sich kritisch mit einer komplexen Vergangenheit auseinanderzusetzen, die Kräfte zu verstehen, die individuelle Schicksale prägten, und über die Entwicklung rechtlicher und ethischer Standards nachzudenken. Sein Vermächtnis ist eines der historischen Mehrdeutigkeit und eine Mahnung an die menschlichen Kosten repressiver Justizsysteme. Es ist eine Geschichte, die dazu anregt, die Vergangenheit nicht nur zu bewerten, sondern auch zu verstehen und aus ihr zu lernen.

Ernst Egener, Juni 2025

Die Anfänge der Familie Egner (später Egener) in Beratzhausen

Früheste Erwähnung Martin Egner

Die bisher früheste bekannte Erwähnung eines Vorfahren der Linie Egner (später Egener) stammt aus dem oberpfälzischen Markt Beratzhausen. Dort wird Martin Egner als Maurer und Bierbrauer genannt. Sein Name erscheint im Heiratseintrag seines Sohnes Benedict, in dem er als „ehrbarer Mann seligen Andenkens“ bezeichnet wird – ein Ausdruck, der darauf hinweist, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war.

Eintragungen im Sterbebuch belegen, dass Martinus Egner am 15. Juni 1696 im Alter von 60 Jahren verstarb. Daraus ergibt sich ein ungefähres Geburtsjahr von 1636.

Zeitgeschichtlicher Kontext: Martin Egner wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) geboren, einer Zeit schwerer Verwüstungen, Hungersnöte und Epidemien. Die Oberpfalz war stark betroffen. Es ist möglich, dass seine Eltern oder er selbst Flucht, Not oder Plünderungen erlebt haben. Nach dem Krieg begann der mühsame Wiederaufbau, bei dem Handwerker wie Maurer besonders gebraucht wurden.

Seine Ehefrau Elisabeth wird als noch lebende Witwe im Heiratseintrag ihres Sohnes erwähnt. Sie stirbt am 7. November 1713 im Alter von 74 Jahren, was auf ein Geburtsjahr um 1639 hinweist.

Zeitumstände: Elisabeth lebte in der Zeit des sogenannten „kleinen Klimawandels“, mit häufigen Missernten, langen Wintern und wirtschaftlicher Unsicherheit. Auch Seuchen wie die Pest traten weiterhin lokal auf.

Benedict Egner – Chirurg und Bürger von Beratzhausen

Der Sohn des Martin Egner, Benedict Egner, wird als „ehrbarer Benedict Egner, Chirurg von Beruf“ genannt. Er verlobt sich am 15. Dezember 1707 mit Anna Barbara Funck, der Tochter des Schneiders und Bürgers Johann Funck und dessen Ehefrau Anna. Die Eheschließung findet am 9. Januar 1708 statt.

Hintergrund: In dieser Zeit erlebte das medizinische Handwerk Fortschritte, doch der Beruf des Chirurgen war noch nicht dem Arzt gleichgestellt. Chirurgen arbeiteten oft auch als Wundärzte, Barbier oder Knochenrichter. Dass Benedict diesen Beruf ausübte, deutet auf eine gewisse Bildung und gesellschaftliche Stellung hin.

Heirat Benedikt Egner

Transkription: 

Beratzhausen

[am Rande] am 9. desselben [sc. Monats Januar 1708]

Aufgrund am 15. Dezember 1707 stattgehabter Verlobung feierte Hochzeit der ehrbare Benedikt Egner, Chirurg von Beruf, legitimer Sohn des ehrbaren Mannes Martin Egner seligen Andenkens, Maurers und Bierbrauers hiesigen Orts, und der Elisabeth, dessen noch lebender Ehegattin, mit Anna Barbara Funck(in), legitimer Tochter des des ehrbaren Mannes, Bürgers und Schneiders Johann Funck und dessen Ehegattin Anna; als Zeugen traten auf Herr Ulrich Bidner, Ratsbürger und Bäcker, und der Schulmeister Herr Johann Ernst, beide allhier im Ort.

Joannes Georg Egner – Soldat und Neubeginn in der Eifel

Aus dieser Ehe stammt Joannes Georg Egner, der am 5. Mai 1720 in Beratzhausen getauft wird. Ein Vermerk im Taufregister vom 17. Juli 1755 gibt Auskunft über seine spätere Tätigkeit: Pfarrer Ignatius Graff stellt ihm an diesem Tag einen Taufschein für Lupburg aus, da Joannes Georg zu diesem Zeitpunkt Soldat im kaiserlichen Markgrafen-Kavallerieregiment ist.

Zeitgeschichtlicher Kontext: Um 1755 stand das Reich kurz vor dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763). Viele Männer wurden zum Militärdienst eingezogen oder verdingt. Als Reiter in einem Kavallerieregiment war Joannes Georg Teil eines stehenden Heeres, das sowohl zur Verteidigung als auch in Kriegszügen eingesetzt wurde.

Später verlässt er die Oberpfalz und lässt sich in Reifferscheid in der Eifel nieder. Ab diesem Zeitpunkt wird der Familienname in den Quellen als Egener geschrieben. Dort heiratet er Maria Elisabeth Balter, mit der er mindestens drei Kinder hat:

Georg Peter Egener (Geburtsdatum unbekannt)

Catharina Gertrudis (1759–1763)

Anna Sybilla Catharina (1761–1762)

Beide Töchter sterben bereits im Kleinkindalter. Maria Elisabeth könnte bei der Geburt der zweiten Tochter verstorben sein – das ist jedoch nicht sicher belegt. Fest steht: Joannes Georg Egener heiratet am 2. Juli 1763 ein zweites Mal, und zwar die Witwe Agnes Stollenwerck.

Lebensumstände: Die Eifel war im 18. Jahrhundert arm und ländlich geprägt. Die Bevölkerungsdichte war gering, und Krankheiten sowie hohe Kindersterblichkeit waren verbreitet. Die Wiederverheiratung kurz nach dem Tod der ersten Frau war nicht unüblich, um Haushalt und Kinder abzusichern.

Georg Peter Egener – Neubeginn in der Eifel und Weg nach Aachen

Georg Peter Egener, vermutlich um 1750 geboren, ist der erste Vertreter der Familie, der dauerhaft in der Eifel nachgewiesen ist. Er heiratet am 25. Mai 1777 in der katholischen Kirche Anna Catharina Born. Die Familie lebte im Grenzraum von Rott, Hellenthal und Mulartshütte – abgelegene Orte, zwischen denen oft gependelt wurde. Kirchenbucheinträge weisen auf Taufen in Rott und Hellenthal hin; vermutlich wohnten sie in der Nähe, möglicherweise in Mulartshütte.

Zeitgeschichtlicher Kontext: In dieser Zeit regierte Friedrich der Große (†1786) in Preußen, das Rheinland aber gehörte noch zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die Region war katholisch geprägt und stark von der Land- wirtschaft, dem Handwerk und kleinräumigen Herrschaftsstrukturen bestimmt.

Zwischen 1777 und 1792 brachte das Paar mindestens neun Kinder zur Welt:

Margaretha Gertrud (geb. 1777)

Joannes Jacobus (geb. 1779)

Anna Elisabeth (geb. 1780)

Johann Mathias (geb. 17. Januar 1783 in Rott)

Jacobus (geb. 1785)

Anna Barbara (geb. 1786)

Anna Catharina (geb. 1788)

Gertrud (geb. 1791)

Magdalena (geb. 1792)

Die genauen Wohnorte wechselten vermutlich, der Kirchgang aber blieb in den genannten Pfarreien. Die Familie gehörte dem ländlichen Handwerkerstand an – Georg Peter wird als Schneider bezeichnet.

Regionale Lage: Die Orte lagen am Rande der Eifel, nah bei der damaligen Reichs- stadt Aachen. Die Bevölkerung lebte einfach, meist in kleinen Häusern mit Stall und Garten, die Selbstversorgung war notwendig.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts veränderte sich die politische Lage drastisch: Die Französische Revolution hatte 1789 begonnen, und ab 1794 wurden die links- rheinischen Gebiete – darunter auch die Eifel – von französischen Truppen besetzt.

Übersiedlung nach Aachen – Zeit des Umbruchs

Zwischen 1792 und 1804 verlässt die Familie die Eifel und lässt sich in Aachen (bzw. Burtscheid) nieder. In den folgenden Jahren heiraten die Kinder Margaretha Gertrud (1804) und Jacobus (1809) bereits in Aachen. Der Familienname erscheint nun regelmäßig in der Schreibweise Egener – teils auch Eygener, Jean, George Pierre oder Jean Mathias, abhängig vom Schreiber und der Sprache des Dokuments.

Politischer Hintergrund: Die Region wurde nun Teil der Französischen Republik, später des Napoleonischen Kaiserreichs. Deutsch wurde durch Französisch im amtlichen Leben ersetzt, und viele Traditionen gerieten unter Druck. Auch die Verwaltung, das Bildungssystem und das Kirchenrecht wurden umgestaltet.

Georg Peter Egener stirbt am 17. Dezember 1807 in Aachen, kurz vor der Hochzeit seines Sohnes Johann Mathias.

Johann Mathias Egener – Leben im Wandel zwischen Frankreich und Preußen

Johann Mathias Egener, geboren am 17. Januar 1783 in Rott bei Hellenthal, war das vierte von neun Kindern des Schneiders Georg Peter Egener und seiner Ehefrau Anna Catharina Born. Er wurde am selben Tag in der örtlichen katholischen Kirche von Pfarrer Johannes Evangelist Schreiber getauft.

Zeitumstände: 1783 war das Ende der Regierungszeit Friedrichs des Großen. Die Region war noch Teil des Alten Reiches, doch erste Aufklärungsideen und Reformimpulse machten sich bereits bemerkbar. In Rott selbst blieb das Leben aber stark vom Rhythmus der Landwirtschaft und der Kirche bestimmt.

Über Johann Mathias’ Kindheit ist nichts überliefert. Wie die meisten Kinder seiner Zeit hatte er vermutlich keinen Zugang zu systematischer Bildung – eine allgemeine Schulpflicht wurde erst Jahrzehnte später durchgesetzt. Seine jüngste Schwester Magdalena wurde 1792 geboren, dem Jahr des Ausbruchs der Französischen Revolutionskriege, die das Rheinland grundlegend verändern sollten.

Umzug nach Burtscheid – Leben unter französischer Herrschaft

Zwischen 1790 und 1800 zog die Familie nach Burtscheid, damals eine selbst- ständige Stadt südlich von Aachen. Die Gründe für den Umzug lagen wahrscheinlich in besseren Arbeitsmöglichkeiten und der Nähe zu aufstrebenden Gewerbe- betrieben, insbesondere im Textilhandwerk.

Hintergrund: Ab 1794 besetzten französische Truppen das linke Rheinufer. Die alte Herrschaftsordnung wurde abgeschafft, die Gebiete in das französische Staatsgebiet eingegliedert. Verwaltung, Justiz, Kirchenwesen und Sprache wurden stark französisch geprägt. Viele Namen in den Dokumenten wurden “französisiert”, so auch „Jean Mathias Egener“.

Johann Mathias arbeitete in Burtscheid als Weber (frz. drapier) – ein Beruf, der im Zuge der aufkommenden industriellen Textilverarbeitung an Bedeutung gewann.

Am 1. November 1807 meldeten sich Jean Mathias Egener und Anne Gertrude Pontz beim französischen Standesamt von Burtscheid zur Eheschließung an. Die Trauung fand am 30. Dezember 1807 statt, durchgeführt vom Zivilbeamten Hammer.

Reform durch Napoleon: Seit 1798 waren Eheschließungen nicht mehr ausschließ- lich kirchlich, sondern mussten standesamtlich erfolgen – ein bis dahin ungewohnter Vorgang. Taufen, Trauungen und Beerdigungen wurden nun doppelt dokumentiert: kirchlich und zivilrechtlich. Dass Gertrud Pontz die Urkunde selbst unterschrieb, deutet auf eine gewisse Bildung hin, was zu dieser Zeit nicht selbstverständlich war – besonders bei Frauen.

Kurz vor der Hochzeit, am 17. Dezember 1807, starb Johann Mathias’ Vater Georg Peter Egener in Aachen.

Alltag im französisch besetzten Rheinland

Das erste Kind des Ehepaars wurde am 20. Mai 1808 geboren, starb aber noch am selben Tag. Ein Jahr später kam Pierre Joseph Egener zur Welt. Bei der Volks- zählung 1812 war die Familie in der Rue St. Jean Nr. 63 in Burtscheid registriert:

• Ehemann: Jean Mathias Egener (29), drapier (Tuchmacher)

• Ehefrau: Gertrude Pontz (23)

• Kinder: Joseph (3 Jahre), François (5 Monate)

• Weitere Haushaltsangehörige: Schwiegermutter Anne Catherine Pontz

Zeitgeschichtlicher Kontext: Die napoleonische Verwaltung brachte nicht nur neue Gesetze, sondern auch tiefgreifende Eingriffe in das Alltagsleben: Abschaffung der Feiertage, Einführung eines Revolutionskalenders, neue Maße und Gewichte. Viele Menschen hielten jedoch im Privaten an traditionellen Bräuchen fest. Für einfache Handwerker blieb die französische Zeit ambivalent – einerseits bot sie rechtliche Sicherheit, andererseits belasteten sie Steuern und Rekrutierungen.

Am 5. August 1814, also wenige Monate nach dem Ende der französischen Herrschaft, wurde das vierte Kind der Familie geboren: Gregoire Jean Egener, mein Ur-Ur-Ur-Großvater.

Politischer Umbruch: Mit der Niederlage Napoleons fiel das Rheinland 1815 an Preußen. Damit änderten sich Sprache, Verwaltung und Bildungswesen erneut – diesmal unter protestantisch-preußischem Einfluss. Für die katholische Bevölkerung des Westens begann damit ein neuer Abschnitt in einem sich wandelnden deutschen Staat.

Johann Gregor Egener – Tuchscherer in Burtscheid

Johann Gregor Egener wurde am 5. August 1814 in Burtscheid geboren – in eine Zeit politischer Neuordnung, nur wenige Monate nach dem Ende der französischen Herrschaft. Er war der Sohn des Webers Johann Mathias Egener und Gertrud Pontz, wuchs in einem von Handwerk und Textilproduktion geprägten Umfeld auf und trat später als Tuchscherer in das örtliche Erwerbsleben ein.

Zeitumstände: Burtscheid lag in einer der wichtigsten Textilregionen des Rheinlandes. Die Verarbeitung von Wolle, Tuch und Garn war zentrale Lebensgrundlage. Ein Tuchscherer hatte dabei die Aufgabe, fertig gewebte Tuche zu glätten und überstehende Fasern sorgfältig zu scheren – ein Beruf, der sowohl Präzision als auch Erfahrung verlangte.

Eheschließung und erste Jahre als Familienvater

Am 7. Juli 1838 heiratete Johann Gregor in Aachen Magdalena Corban, die am 19. April 1815 in Burtscheid geboren worden war. Sie war zunächst unehelich – ihre Eltern Johann Corban und Maria Anna Thimus heirateten jedoch im Folgejahr (8. Juni 1816), wodurch sie legitimiert wurde. Diese Tatsache wurde später in amtlichen Unterlagen ausdrücklich festgehalten.

Die Berichtigung eines amtlichen Fehlers (1868)

Ein bemerkenswertes Dokument aus dem Jahr 1868 gewährt einen seltenen Einblick in den Alltag und die Herausforderungen der Familie Egener-Corban: Ein Urteil des Königlichen Landgerichts Aachen vom 14. September 1868 belegt, wie ein schlichter Fehler bei der Geburtsregistrierung ihres Sohnes Heinrich Egener rechtliche Folgen hätte haben können.

Als Heinrich am 30. Mai 1854 geboren wurde, wurde im Geburtsregister versehentlich “Helena Thimmes” als Mutter eingetragen – vermutlich ein Schreibfehler, bei dem der Name der Großmutter mütterlicherseits (Thimister/Thimus) fälschlich übernommen wurde. Diese Abweichung hätte bei späteren amtlichen Vorgängen – etwa bei Erbschaften oder der Eheschließung – problematisch sein können.

Die Familie wandte sich an das Landgericht, das nach Prüfung der Unterlagen die Berichtigung der Geburtsurkunde anordnete. Bemerkenswert ist dabei:

• Die Familie erhielt “Armenrecht”, also kostenfreien Rechtsbeistand durch Justizrat Koenen – ein Hinweis auf begrenzte finanzielle Mittel.

• Trotz der einfachen Lebensverhältnisse war das Bewusstsein für amtliche Korrektheit und rechtliche Absicherung vorhanden.

• Die Beteiligten legten Zeugnisse und frühere Urkunden vor – ein Glücksfall für die heutige Familienforschung.

Letzte Jahre

Johann Gregor Egener starb am 14. Februar 1870 in Burtscheid, nur wenige Jahre vor der Gründung des Deutschen Kaiserreichs. Sein Leben war geprägt von Wandel: Er wurde in der letzten Phase der napoleonischen Zeit geboren, wuchs unter preußischer Ordnung auf, und arbeitete in einer Region, die durch Textilindustrie und wachsendes städtisches Leben geformt wurde. Seine Lebensgeschichte zeigt, wie sehr amtliche Genauigkeit, Berufsethik und familiärer Zusammenhalt auch in einfachen Verhältnissen geschätzt wurden.

Joseph Egener – Ein Leben zwischen Tradition und Wandel

Joseph Egener (mein Ur- Ur- Großvater) wurde am 30. Januar 1848 in Burtscheid geboren – in einer Zeit, in der das Rheinland tief im Spannungsfeld zwischen Industrialisierung, kirchlicher Tradition und dem wachsenden preußischen Einfluss stand. Als Sohn des Tuchscherers Johann Gregor Egener und Magdalena Corban wuchs Joseph in einem Handwerkerhaushalt auf, geprägt von Bescheidenheit, aber auch Genauigkeit im Umgang mit amtlichen und familiären Angelegenheiten.

Zeitumstände: In den 1850er- und 60er-Jahren wandelte sich Burtscheid zunehmend von einer handwerklich geprägten Kleinstadt zu einem Vorort des expandierenden Aachen. Die Textilindustrie boomte, Eisenbahnlinien wurden ausgebaut, und auch politische Umbrüche – wie die Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 – veränderten das öffentliche Leben.

Am 3. Oktober 1874 heiratete Joseph die aus Burtscheid stammende Maria Zimmermann. Aus dieser Ehe ging Peter Egener hervor, mit dem die Linie fortgeführt wurde.

Josephs Leben fiel in die Phase des Deutschen Kaiserreichs, das 1871 unter preußischer Führung gegründet wurde. Die Einführung der Reichsmark, die Vereinheitlichung des Rechtswesens und die staatlich gelenkte Kirchenpolitik (Kulturkampf) prägten auch das Alltagsleben katholischer Familien im Rheinland.

Trotz dieser großen Entwicklungen blieb das Leben vieler Familien im Lokalen verwurzelt. Joseph scheint, soweit überliefert, in Burtscheid geblieben zu sein – ein Zeichen für die enge Bindung an den Ort, der seiner Familie über Generationen hinweg Heimat war.

Joseph Egener starb am 31. Oktober 1901 in Burtscheid – kurz nach der Jahrhundertwende, in einer Zeit des technischen Fortschritts, aber auch wachsender sozialer Gegensätze. Seine Lebensspanne reichte vom Vormärz bis ins beginnende industrielle Zeitalter – ein stilles, aber stabiles Leben, eingebettet in die Geschichte einer Region im Umbruch.

Peter Egener – Ein Familienvater im Zeitalter der Moderne

Peter Egener (mein Urgroßvater) wurde am 19. September 1875 in Aachen geboren. Er wuchs in einer Zeit auf, in der Aachen sich vom alten Kaiserstadtbild zur modernen Industriestadt wandelte. Die Straßen wurden elektrifiziert, Eisenbahn und Nahverkehr prägten das Stadtbild – und Peter selbst wurde Teil dieser Entwicklung: Er arbeitete als Kleinbahnwagenführer, also im innerstädtischen oder regionalen Schienenverkehr.

Ehe und Familie

Am 20. Oktober 1900 heiratete Peter die Erzieherin Maria Catharina Schmetz. Zu dieser Zeit wohnte er in Aachen, Mühlradstraße 8, später (1902) dann in der Krugenofen 6 – beides typische Arbeiter- und Handwerkerviertel der Stadt. Das Ehepaar bekam neun Kinder:

Leonhard (geb. 1902)

Maria Anna (1903)

Katharina (1905)

Nikolaus (1906)

Josef (1907)

Johann (1908)

Elise (1909)

Franziska (1912)

Johannes (1914)

Diese Kinder wuchsen in einer Welt auf, die zwischen technischer Moderne und den politischen Krisen des frühen 20. Jahrhunderts schwankte.

Leben in bewegter Zeit

Peter Egeners Familienleben fiel in die Zeit der Kaiserzeit, des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik. Als der Krieg 1914 begann, war er fast 40 Jahre alt, seine älteren Kinder noch im Schulalter. Wahrscheinlich war er selbst nicht mehr wehrpflichtig, doch seine Familie erlebte die Härten des Kriegs mit: Lebensmittel wurden knapp, Väter und Brüder eingezogen, der Alltag wurde mühsam.

Nach dem Krieg geriet das Rheinland, also auch Aachen, unter alliierte Besatzung. Zwischen 1923 und 1925 wurde Aachen zeitweise von belgischen Truppen kontrolliert. Es war eine Phase der Unsicherheit – auch wirtschaftlich: Die Inflation 1923 ließ Ersparnisse über Nacht wertlos werden. Erst mit der Währungsreform 1924 und der Stabilisierung in den späten 1920er-Jahren verbesserte sich die Lage langsam.

Letzte Lebensjahre

Peter Egener erlebte auch den Zweiten Weltkrieg und die schwierige Nachkriegszeit. Er starb am 29. Januar 1953 in Aachen, nach einem langen Leben, das fast acht Jahrzehnte umspannte – von der Kaiserzeit über zwei Weltkriege bis in die frühe Bundesrepublik. Seine zahlreichen Kinder trugen den Namen Egener in eine neue Zeit.

Leonhard Egener – Leben durch zwei Weltkriege

Leonhard Egener, geboren am 1. August 1902 in Aachen, war das älteste Kind von Peter Egener und Maria Catharina Schmetz. Wie sein Vater arbeitete er als Kleinbahnführer – ein Beruf, der Präzision, Verantwortung und Verlässlichkeit ver- langte. Der Beruf war typisch für die wachsenden Städte im frühen 20. Jahrhundert, in denen der öffentliche Nahverkehr zur Lebensader des Alltags wurde.

Eine junge Familie im Krisenjahr

Am 28. Juli 1925, nur wenige Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, heiratete Leonhard Elisabeth Dautzenberg. Im selben Jahr kam ihr erster Sohn Peter zur Welt. Die Ehe blieb fruchtbar, trotz wirtschaftlich angespannter Zeiten. Es folgten:

Maria (1928)

Therese (1930)

Rudolf (10. Mai 1932)

Leo (1934–1934)

Privat

Privat

Die 1920er- und 30er-Jahre waren für die junge Familie von wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt. Die Weltwirtschaftskrise 1929 traf auch Deutschland hart. Arbeitslosigkeit, Inflation und politische Spannungen bestimmten den Alltag.

Familie im Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 fiel in eine Phase, in der die Familie schon fest im Leben stand. Die älteren Kinder gingen zur Schule, Leonhard arbeitete weiterhin als Kleinbahnführer. Der Zweite Weltkrieg brachte neue Heraus- forderungen: Luftangriffe, Rationierungen, Dienstverpflichtungen und die allgemeine Unsicherheit prägten die Jahre ab 1939.

1944 wurde der jüngste Sohn Heinz in Verl geboren – vermutlich war die Familie zu diesem Zeitpunkt evakuiert worden. Verl liegt in Westfalen, fern von Aachen, das im Krieg stark zerstört wurde.

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg kehrte Leonhard mit seiner Familie in die zerstörte Heimatstadt zurück. Es war eine Zeit des Wiederaufbaus, der Improvisation, aber auch des Neuanfangs. In der jungen Bundesrepublik setzte sich Leonhards Lebensweg ruhig fort.

Elisabeth, seine Ehefrau, starb 1967. Ein Jahr später, 1968, heiratete er ihre Schwester Josefine – eine Verbindung, die in dieser Generation nicht unüblich war. 

Leonhard Egener starb am 23. September 1980 im Marienhospital Aachen, im Alter von 78 Jahren. Sein Leben spannte sich über das deutsche Kaiserreich, zwei Weltkriege und die wirtschaftliche Erneuerung der Nachkriegszeit hinweg. Er hinterließ eine große Familie, die ihren Platz in der neuen Zeit fand. 

Die Familie Egener bei der Aachener Straßenbahn – Drei Generationen im Fahrdienst

Die Geschichte der Familie Egener bei der ASEAG (Aachener Straßenbahn und Energieversorgungs-AG) ist ein bemerkenswertes Beispiel für familiäre Kontinuität, Berufsethik und den Wandel des öffentlichen Nahverkehrs im Raum Aachen – über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren.

Familientradition bei der ASEAG in Aachen

Peter Egener, geboren 1875 in Aachen, trat im Jahr 1900 im Alter von 25 Jahren in den Fahrdienst der Aachener Straßenbahn ein. Er blieb seinem Beruf über 38 Jahre treu – von der Kaiserzeit über den Ersten Weltkrieg bis weit in die Weimarer Republik hinein. Sein Einsatz reichte bis zu seinem Tod im Jahr 1953.

Er war mit großer Überzeugung Straßenbahnfahrer, auch wenn er selbst den Beruf seinen Söhnen nicht unbedingt empfahl – zu unregelmäßig, zu fordernd. Einer seiner Söhne erinnerte sich später: „Wir Kinder haben Vater eigentlich gar nicht richtig gekannt.“

Die Arbeitsbedingungen zur Jahrhundertwende waren hart: bis zu 14 Stunden pro Tag, nur alle 14 Tage ein freier Tag. Ein Schaffner verdiente 2,70 Mark pro Schicht, der Fahrer nur geringfügig mehr. Dennoch galt die Arbeit als angesehen.

Peter Egener fuhr lange Zeit die Strecke von Aachen nach Maria-Grube, den sogenannten „Bergmanns-Wagen“. Der Kontakt zu den Fahrgästen war persönlich. Man kannte sich, wartete, wenn jemand fehlte – oft gab es ein freundliches Wort oder einen Schluck aus der „Bergmanns-Pulle“.

Sein Grundsatz:

„Wenn du ein guter Fahrer sein willst, dann fahr immer so, als wäre der Wagen dein Eigentum.“

Die zweite Generation – Drei Söhne folgen dem Vater

Trotz seines Rats schlugen drei von vier Söhnen den gleichen beruflichen Weg ein:

Josef Egener (geb. ca. 1896, gest. 1930) begann 1910 mit 14 Jahren als Lehrling in der Werkstatt der ASEAG. Nach der Ausbildung wurde er Straßen- bahnfahrer, starb aber bereits 1930 an einer Krankheit.

Leonhard (Leo) Egener (1902–1980), ursprünglich Schuhmacher, wechselte 1924 zum Fahrdienst. Fast 25 Jahre fuhr er Straßenbahn, anschließend war er noch zehn Jahre im Innendienst tätig. Aus gesundheitlichen Gründen wurde er vorzeitig pensioniert.

Johannes Egener (geb. 1914) trat 1939, ein Jahr nach der Pensionierung des Vaters, in den Dienst der ASEAG ein. Er fuhr Straßenbahn, Obus und später Bus – zuletzt auf der Linie 12. Er hielt die Familientradition bis in die Nachkriegszeit aufrecht.

Der vierte Sohn blieb außerhalb des Fahrdienstes; über ihn liegen keine dienstlichen Angaben vor.

Die dritte Generation – Peter Egener (geb. 1925)

Peter Egener, Sohn von Leonhard, wurde 1925 geboren. Er erlernte zunächst bei Talbot den Beruf des Spritzlackierers. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegs- gefangenschaft 1948 war er durch eine Handverletzung beruflich eingeschränkt. Er meldete sich bei der ASEAG – und trat damit als vierte Egener-Generation in den Betrieb ein.

Peter Egener fuhr oft dieselben Linien wie sein Vater. Wenn sie sich unterwegs begegneten, winkten sie sich zu – ein stilles Zeichen familiärer Verbundenheit, das Peter noch von seinem eigenen Großvater kannte.

Wegen gesundheitlicher Probleme musste er später den Fahrdienst aufgeben und arbeitete in der Lohnbuchhaltung der ASEAG weiter.

Fazit – Ein halbes Jahrhundert an der Kurbel

Vier Generationen der Familie Egener haben das Gesicht des öffentlichen Nahverkehrs in Aachen mitgeprägt – zuerst auf Schienen, später mit dem Bus. Die ASEAG würdigte die Familie in ihrer Mitarbeiterzeitschrift als Vorbild für Verlässlich- keit, Pflichtbewusstsein und Zusammenhalt. Was als einzelner Berufsweg begann, wurde zu einer gelebten Familientradition – selten, aber umso bedeutender.